Ölpest an der Küste Libanons
Am schwarzen Strand von Ramleh Baida

Nachdem das Tanklager eines Kraftwerks im Beiruter Vorort Jiyeh von der israelischen Luftwaffe zerstört wurde, bedroht eine gewaltige Ölpest die Küste des Libanons. Die 30 000 Fischer des Landes sind seitdem arbeitslos, doch die Regierung in Beirut sieht tatenlos zu.

BYBLOS. Eine schwarze Brühe schwappt gegen die Kaimauer im Hafen von Byblos. Ein Bagger gräbt seine Schaufel in die zähe Masse und kippt sie über einer großen Wanne aus. Langsam fließt die schmierige Flüssigkeit ab. Das historische Hafenbecken in dem malerischen Ausflugsort eine Stunde nördlich von Beirut hat sich in eine Giftbrühe verwandelt, nachdem der Inhalt aus dem Tanklager des Kraftwerks von Jiyeh ausgelaufen ist. Die israelische Luftwaffe hatte es in den ersten Kriegstagen bombardiert.

„Morgens arbeiten wir mit dem Bagger, wenn die Mittagshitze das Öl verflüssigt, nutzen wir die Pumpe“, erzählt Michel, der die Arbeit der etwa 20 Angestellten der Stadtverwaltung dirigiert. „Bisher haben wir etwa 150 Tonnen Öl geborgen“, sagt der Leiter der Abteilung Technik. Täglich holen fünf Tankwagen die schwarze Masse ab. Doch es könnten mehr sein: Immer wieder muss die Arbeit unterbrochen werden, weil die sechs Wannen am Kai voll sind. Dennoch ist Bürgermeister Gilo Kallab stolz: „Wir sind die ersten in Libanon, die schon zwei Tage nach Kriegsende begonnen haben, die Folgen der Ölkatastrophe zu beseitigen.“ Die Armee habe einige Soldaten geschickt, die Norweger haben eine Pumpe und schlauchartige Bojen geliefert, welche den Ölteppich vom Wasser trennen. Und ein Vertreter des Umweltministeriums habe den Schaden besichtigt – ansonsten aber habe man nie wieder etwas von der eigenen Regierung gehört. „2000 bis 3000 Dollar bezahlen wir täglich aus unserer Kasse“, klagt Kallab, der hinter seinem massiven Schreibtisch in einem historischen Haus der Altstadt eine Zigarette nach der anderen raucht. „Aber das Meer und die Touristen sind unsere Lebensgrundlage. Wir können nicht länger warten.“

Die Flure des Umweltministeriums in Beirut sind schon am Nachmittag um kurz vor fünf ausgestorben. Nur in einem Zimmer wird noch gearbeitet. Der amerikanische Experte für Ölkatastrophen, Richard Steiner, feilt an den letzten Details eines Aktionsplans, den der Minister noch an diesem Abend absegnen soll. „Dies ist eine einmalige Ölkatastrophe“, meint der hoch gewachsene Mann, der auch beim Tankerunglück der „Exxon Valdez“ in Alaska 1989 im Einsatz war. Normalerweise begännen die Rettungsarbeiten sofort nach einem Unglück: „Denn jede Stunde zählt.“ In Libanon war dies wegen des anhaltenden Kriegs nicht möglich. „Vier Wochen sind jetzt vergangen, und ein großer Teil des dicken und sehr giftigen Tanköls, von dem wenig verdunstet, hat bereits etwa 150 Kilometer der libanesischen Küste verseucht“, berichtet Steiner. „Wenn das Öl an Sandstränden und Felsen ankommt, ist es ungleich schwerer zu entfernen, als wenn man es im Wasser abpumpt. Im Sand sinkt das Öl schnell ein und bildet Schichten abwechselnd mit neuem Sand.“ Bis zu einem halben Meter, womöglich auch mehr, müsse abgetragen werden, prophezeit der Experte.

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