„Ölpreis nach unten drücken“
Bush will Bohrtürme vor US-Küste

Tourismusmanager in Florida und Kalifornien werden zusehends nervös. Grund: Jüngste Äußerungen von US-Präsident George W. Bush. Angesichts der Ölpreisexplosion hat er den Kongress aufgefordert, das jahrzehntealte Förderverbot vor den Küsten des Landes aufzuheben.

HB WASHINGTON. "Unser Land muss mehr Öl produzieren. Und wir müssen jetzt damit beginnen", sagte Bush. Die jetzige Regelung sei "veraltet und kontraproduktiv". Neben der Erschließung neuer Quellen vor der Küste sprach sich der Präsident auch für Ölbohrungen in einem Naturschutzgebiet in Alaska aus.

Zudem müsse die Kapazität der Raffinerien erhöht werden. All diese Schritte zusammen "werden im Laufe der Zeit den Ölpreis nach unten drücken", sagte Bush.

Jahrzehntelang galt Ölförderung vor der US-Küste als politisches Tabu, die Aussicht auf Bohrtürme am Horizont galt Demokraten wie auch vielen Republikanern als Graus. Selbst in der Familie von Präsident George W. Bush fanden sich mit Vater George und Bruder Jeb entschiedene Gegner. Doch seit der Ölpreis immer neue Rekorde setzt und die Spritkosten den Amerikanern zusätzlich das Leben schwermachen, scheint die Front des Widerstands zu bröckeln. Die Umweltbewegung, schreibt die "Los Angeles Times" am Mittwoch, "findet sich plötzlich in der Defensive wieder". Selbst langjährige Unterstützer wendeten sich nun ab, landesweit ändere sich das politische Klima.

Präsident Bush, der einst im Ölgeschäft der Familie sein Brot verdiente, kommt der Sinneswandel zupass: Lange schon würde er gerne in einem Naturschutzgebiet Alaskas nach Vorkommen bohren lassen. Nun fordert er den Kongress auf, den Weg zur Erschließung neuer Quellen vor der Küste freizumachen. Und Vizepräsident Richard Cheney ist ohnehin dafür, dort Fördertürme hinzupflanzen: Von ihren Gegnern "sollten wir keine Beschwerden mehr hören", erklärte er erst vergangene Woche vor der US-Handelskammer. Die Widersacher nennt er "Teil des Problems". Auch der populäre Gouverneur von Florida, der Republikaner Charlie Crist, kippte um und fordert inzwischen ebenfalls eine Aufhebung des Förderungsverbots vor der Küste, das einst 1969 nach einer schweren Ölpest vor Kalifornien Formen annahm.

Niemand weiß einem Bericht der "New York Times" zufolge genau, wie viel Ölreserven in dem vom Förderverbot betroffenen Gebiet schlummern. Die US-Behörde für Energieinformation schätzt, dass landesweit 75 Milliarden Barrel (je 159 Liter) nicht gefördert werden dürfen, und dass 21 Prozent davon oder 16 Milliarden Barrel wegen des Bohrmoratoriums vor den Küsten im Boden bleiben müssen.

Auch der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner, John McCain, wittert offenbar einen Punktgewinn im Rennen ums Weiße Haus: "Es ist für die Bundesregierung an der Zeit, die Beschränkungen aufzuheben, damit wir unsere Reserven nutzen können", erklärte er erst am Dienstag in Houston im Ölstaat Texas. Als der Senator aus Arizona sich vor acht Jahren um die Kandidatur seiner Partei bewarb, wollte er davon noch nichts wissen. "Eine riskante Kehrtwende", urteilte am Mittwoch eine CNN-Kommentatorin. Schließlich wolle McCain - wie mit seinen Plänen zum Kampf gegen die Klimaerwärmung - ja neue Wählerschichten erschließen und sich von Bush abgrenzen.

Obama kontert prompt

Die Demokraten sehen darin - wie Umweltschützer auch - nichts anderes als ein kurzfristiges politisches Manöver. "Es gibt in Amerika nicht genug Öl, um unsere Probleme zu lösen", meint der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid. Und: "Selbst wenn wir die Küsten für Bohrungen freigäben, hätte das keine nennenswerten Auswirkungen auf den Ölpreis". Auf einen prominenten Befürworter des Förderungsverbots können die Demokraten indes zählen: Den republikanischen Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger. Er und McCain "stimmten manchmal eben nicht überein", sagte ein Sprecher des früheren Actionfilmstars. "Und dies ist einer dieser Fälle."

Der designierte Kandidat der Demokraten, Barack Obama, nahm den Sinneswandel seines republikanischen Rivalen indes als Steilvorlage. Ölmanagern in Houston "genau das zu erzählen, was sie hören wollen, ist genau die Washingtoner Politik, die uns seit Jahren davon abhält, von Energieimporten unabhängig zu werden", erklärte er.

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