Österreich
Die große Parlamentsbaustelle

Österreich lässt sich die Renovierung und Umsiedlung seiner Volksvertretung 400 Millionen Euro kosten. Die Parlamentarier tagen bis 2020 in einem Provisorium in der Hofburg. Doch das Sicherheitsproblem ist nicht gelöst.
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Wien„Der Adler bleibt mit der Rückwand“, sagt Hermann Schnell mit fester Stimme im Sitzungssaal der österreichischen Volksvertretung, wo bereits die Stühle und die Regierungsbänke von den Bauarbeitern herausgerissen wurden. „Das Parlament ist schließlich ein Baudenkmal. Es soll die Kontinuität der Zweiten Republik fortgesetzt werden“, sagt der aus Deutschland stammende Architekt. Und das heißt, auch die Nüchternheit der Fünfziger aus dem spätklassizistischen Gebäude soll nicht ausgelöscht werden.

Mit historischen Gebäuden kann Architekt Schnell umgehen. „Wir wollen die Patina des Hauses nicht zerstören“, verspricht er. Schnell hat bereits bei der Modernisierung des Reichstages und der Deutschen Oper in Berlin mitgewirkt. Aber die teuerste Parlamentsmodernisierung in Europa ist für den Sanierungsplaner schon eine besonders große Herausforderung. Denn 134 Jahre nach seiner Errichtung durch den dänischen Architekten Theophil Hansen, der Meisterarchitekt der weltberühmten Ringstraße, ins 21. Jahrhundert katapultiert werden.

Modernste Digitaltechnik für die Abgeordneten mit Leitungen, neue Belüftungs-, Licht- und Heizungssysteme, eine transparente Besuchergalerie mit spektakulärem Restaurant auf dem Dach, neues Mobiliar – die Liste ist lang, um das Gebäude mit 1600 Räumen auf über 20.000 Quadratmeter wieder auf Vordermann zu bringen. Doch es gibt eine Bedingung: „Das Haus wird sich nach außen nicht verändern“. In drei Jahren – im Sommer 2020 – soll das Parlament, eines der spektakulärsten Volksvertretungen, in neuem Glanz erstrahlen.

Doch bei den Sanierungsarbeiten stoßen die Arbeiter auch auf Relikte aus nichtdemokratischen Zeiten. Erst vor wenigen Wochen haben sie im Keller des Parlaments Nazirelikte entdeckt, wie Darstellungen von Adolf Hitler, Büsten und ein Relief. „Der Fund unterstreicht die Bedeutung der lückenlosen Aufarbeitung der NS-Geschichte des Parlamentsgebäudes“, sage Parlamentspräsidentin Doris Bures (SPÖ).

Für das Prestigeprojekt will die Alpenrepublik tief in die Taschen greifen. Die Gesamtkosten sind mit 403 Millionen Euro kalkuliert – wenn alles gut läuft. Das knapp 50 Euro pro Einwohner. Um den Steuersäckel ein wenig zu erleichtern, wurden sogar 98 Prozent des Mobiliars verkauft. Die Regierungsbank erzielt immerhin 27.500 Euro. Insgesamt erbrachte die Auktion annähernd 300.000 Euro, wie Architekt Schnell bei der Besichtigung seiner historischen Baustelle berichtet.

Österreich wählt am 15. Oktober eine neue Regierung. Seit Wochen bekämpfen sich die Parteien zunehmend hemmungslos in einer Schlammschlacht. Doch bei aller politischen Kontroverse, bei der Generalsanierung des Parlaments reichten sich Rechtspopulisten, Konservative, Liberale, Sozialdemokraten und Grüne in seltener Eintracht die Hand. Parlamentspräsidentin Bures: „Wir haben die Pflicht, dieses wertvolle Erbe für nachfolgende Generationen zu bewahren und damit die Demokratie in Österreich nachhaltig zu festigen. Darin herrscht Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg.“

Der Beschluss zur Komplettsanierung wurde am Ende einstimmig gefällt. Darauf ist Parlamentsvizedirektor Alexis Wintoniak noch heute stolz. Das war schließlich eine Menge Arbeit. Wintoniak und seine Mannschaft veranstaltete selbst eine Art Wahlkampf, um die Abgeordneten von der teuren Baumaßnahme zu überzeugen. Schließlich lag die Staatsverschuldung im vergangenen Jahr bei überdurchschnittlichen 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Dafür die Akzeptanz der Politiker und der Bürger zu bekommen, war schon eine große Herausforderung“, sagt Wintoniak und lächelt zufrieden.

Nach den jetzigen Umfragen wird Sebastian Kurz, Chef der konservativen ÖVP, als Sieger aus den Wahlen am 15. Oktober hervorgehen. Europas jüngster Regierungschef wird allerdings in den nächsten Jahren in einem Provisorium Österreich neu erfinden müssen. Denn zum ersten Mal in seiner Geschichte ist das Parlament umgezogen. Der Nationalrat – wie die Volksvertretung in der Alpenrepublik heiß – hat nun in der Hofburg Platz genommen. Im ehemaligen Kaiserpalast ließ Projektleiter Wintoniak den Plenarsaal des Bayerischen Landtages nachbauen. Der Grund ist einfach: das österreichische und das bayerische Parlament besitzen eine fast identische Zahl von Abgeordneten. Vor der Hofburg wurden zudem drei unübersehbare Büroklötze errichtet, um den parlamentarischen Betrieb aufrechtzuerhalten.

Wenn das Hohe Haus im Jahr 2020 wieder in neuem Glanz erstrahlen lässt, soll es ein noch größerer Besuchermagnet werden wie bislang. Das zwischen 1874 und 1883 errichtete Gebäude, das zu 40 Prozent während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde, ist schließlich eine architektonische Ikone.

Zuletzt besuchten 150.000 Touristen das opulente Bauwerk. Nach der Generalsanierung sollen 250.000 sein, so die offizielle Zahl. Doch hinter vorgehaltener Hand rechnet die Parlamentsdirektion mit deutlich mehr. Vorbild ist der Reichstag in Berlin. Den Bundestag besuchen jährlich 1,1 Millionen Menschen aus aller Welt.

Ein Aufgabe haben die Planer bislang noch nicht lösen können: das Sicherheitsproblem. Von vier stark befahrenen Straßen ist das österreichische Parlament im Herzen Wiens umgeben. Teilweise beträgt der Abstand zur Fahrbahn nur wenige Meter. Für Pollen oder Stele, um mögliche Terroristen abzuhalten, ist der Abend viel zu gering. Über die Außersicherung zerbrechen sich die Architekten und Ingenieure noch den Kopf. Zeit bleibt ja noch, schließlich kommen frühestens in drei Jahren die Parlamentarier wieder zurück.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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