Österreich und die FPÖ
Der Krieg der Bälle

In Österreich wird die politische Auseinandersetzung mit der rechtspopulistischen FPÖ auch auf dem Tanzparkett geführt. Der Akademikerball verwandelte die Wiener Innenstadt in einen Hochsicherheitstrakt.
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WienDas Motto des Balls war kein Zufall. „Spaß mit Anstand – Tanz mit Haltung“ wurde vom rot-grün regierten Wien als Losung für den ersten Wissenschaftsball der österreichischen Hauptstadt ausgegeben. Das Motto klingt konservativ, ist aber modern gemeint. Mit den komplex-imposanten Klängen des russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch eröffnete im neogotischen Festsaal des labyrinthartigen Wiener Rathauses der Ball, der mehr als eine vergnügliche Tanzveranstaltung für die Wissenschaftscommunity sein sollte.

Die 2500 Gäste in langen Ballkleidern, Frack und Smoking waren auch gekommen, um tanzend ein politisches Statement zu setzen. „Spaß mit Anstand – Tanz mit Haltung“ als Gegenstück zum umstrittenen Akademikerball der rechtspopulistischen FPÖ einen Tag zu vor. „Hier trifft sich die internationale Intelligenzija, um ein Zeichen zu setzen“, sagte eine deutsche Besucherin des Wissenschaftsballs in Anspielung auf das aus ihrer Sicht nationalistisch-intolerante Publikum des FPÖ-Balls.

Der Akademikerball, die alljährliche Gala der Rechtspopulisten in der Wiener Hofburg, ist quasi das Hochamt der rechten Partei, die enge Verbindungen zur französischen Front National unterhält. Nach letzten Umfragen kommt die FPÖ des einstigen rechten Volkstribunen Jörg Haider auf 28 Prozent - noch vor der konservativen ÖVP mit 26 Prozent und der sozialdemokratischen SPÖ mit ebenfalls 26 Prozent. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Unique Research im Auftrag des Magazins „Profil“ hervor.

Der Akademikerball mit 1500 Besuchern verwandelt alljährlich im Januar die Wiener Innenstadt in einen Hochsicherheitstrakt. Straßen und Plätze werden abgesperrt. Viele Wiener blieben aus Angst vor Gewalt zuhause. Um Krawalle zu verhindern, waren am Freitagabend 2500 Polizisten im Einsatz. Sie garantierten den rechten Besuchern einen sicheren Weg zum Ball in die Hofburg.

Die Gewaltorgie blieb diesmal aus. Es gab nur ein paar Auseinandersetzungen und Rangeleien, bei denen Feuerwerkskörper flogen und die zur Festnahme von 56 Demonstranten führten. Zehn Polizisten und Anti-FPÖ-Aktivisten wurden verletzt. Eine Reihe von linken Demonstranten aus Deutschland wurde bereits außerhalb Wiens abgefangen und wieder zurück geschickt.

Friedlich demonstrierten 9000 Menschen gegen den rechten Ball in den kaiserlichen Prunkräumen. Der KZ-Überlebende Rudi Gelhard sprach auf der Kundgebung eindringliche Worte. Der Akademikerball beschädigt aus der Sicht der Kritiker seit Jahren das Ansehen Österreichs. „Das ist kein harmloser Tanz-Event, sondern ein Vernetzungstreffen des europäischen Rechtsextremismus“, sagte die Protest-Organisatorin Käthe Lichtner.

Der Ball von rechten Burschenschaftlern und nationalistischen Politikern stört auch den Einzelhandel und die Gastronomie. Einen offenen Protest wagen aber nur wenige. Schließlich hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache durchaus Chancen, bei den diesjährigen Wahlen im Bundesland Wien zur stärksten Kraft aufzusteigen. Strache beklagt, dass der Akademikerball zum „Ziel des linksextremen Terrors“ geworden sei.

Mit dem nun erstmalig abgehaltenen Wissenschaftsball, dessen Ehrenschutz der österreichische Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) übernommen hatte, wurde eine Gegenveranstaltung für Geist und Weltoffenheit geschaffen. Die internationale Gästeschar aus ein paar dutzend Ländern schwang das Tanzbein zu Walser und Rumba bis in den frühen Sonntagmorgen.

„In der Wissenschaft wie in der Kunst steht das Experiment am Anfang eines Prozesses, mit dem eine neue Idee überprüft wird“, sagte Organisator Oliver Lehmann. Mit digitalen Grafiken an der Decke, innovativen Computerspielen und moderner Musik warben die Organisatoren für ein Wien des Intellektes. Schließlich ist die österreichische Hauptstadt mit 186.000 Studierenden die größte Universitätsstadt Mitteleuropas. 3,7 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung fließt in die Forschung.

Im Gegensatz zum Akademikerball flogen beim ersten Wissenschaftsball in der Nacht zum Sonntag keine Feuerwerkskörper- oder Molotowcocktails. Die einzige Gefahr für die Gäste bestand durch das Verteilen der „Schwedenbombe“, einer süßen Wiener Versuchung, die aufgrund der vielen Kalorien für das Körpergewicht nicht ganz ungefährlich ist.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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