Olympische Spiele
13 Sekunden für Chinas Mut

Zwei Monate vor den Sommerspielen macht sich China wieder Mut. Die Testwettkämpfe, bei denen am Wochenende 900 meist unbedeutende Athleten antraten, werden zur wichtigen Klammer zwischen Sport und Politik – und lassen kurz die Beben-Katastrophe vergessen. Eine Handelsblatt-Reportage.

PEKING. Um 21.34 Uhr ist das ganze Leid der vergangenen Wochen vergessen. 45 000 Zuschauer springen im funkelnagelneuen Pekinger Olympiastadion von ihren Plastiksitzen auf. Alle brüllen nur einen Namen: „Liu Xiang, Liu Xiang!“ Dabei hat Chinas Superstar und Hürden-Weltrekordhalter über 110 Meter gerade einmal das Innere des Nationalstadions betreten und locker ins große Rund gewinkt.

Doch Liu ist heute nicht nur eine der wenigen Medaillen-Hoffnungen, die China in der Leichtathletik an den Start schickt. Er soll an diesem heißen Sommerabend bei den vorolympischen Testwettkämpfen im gerade fertig gestellten „Vogelnest“, wie Pekings prächtiges Olympia-Stadion genannt wird, seinem Volk wieder Mut und Zuversicht geben. Ein Hürdensprint als Balsam für Chinas geschundene Seele.

Nach dem landesweiten Schock über das Erdbeben in Sichuan wurden die „China Athletics Open“, bei denen am Wochenende 900 meist unbedeutende Athleten antraten, plötzlich zur wichtigen Klammer zwischen Sport und Politik. „Wenn nötig, werde ich auch weiterhin alles tun, um den Erdbeben-Opfern zu helfen“, lässt Liu die Massen wissen. Der Jubel im Stadion ist grenzenlos.

Überall stehen in der Arena Spendenboxen. Und jeder Sportler aus der vom Beben zerstörten Provinz Sichuan wird mit Sonderbeifall bedacht. Nach den erschütternden Erlebnissen fühle er sich prima empfangen, sagt Xie Xin, ein Stabhochspringer aus Sichuan. „Die Massen haben uns die so dringend benötigte moralische Unterstützung gegeben.“

Im Südwesten des Landes hat es am Sonntag erneut ein Nachbeben mit einer Stärke von 5,8 gegeben. Bei der Katastrophe am 12. Mai sind schätzungsweise 90 000 Menschen ums Leben gekommen – so viele Zuschauer passen in das Vogelnest.

Für den ersten Testwettkampf wurden aber nur gut die Hälfte der Plätze verkauft. Einige der Zuschauer haben Fahnen dabei, viele tragen bedruckte T-Shirts. „China go!“ – diesen bekannten Schlachtruf aus Chinas Stadien hat eine Zuschauerin auf ihrem weißem Oberteil stehen. Die Mittvierzigerin ist ebenfalls aufgesprungen und winkt wild mit einer kleinen China-Fahne durch die Luft.

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