Olympische Spiele
Ohne Abi-Zeugnis kein Hotelzimmer

Stell dir vor, es sind Olympische Spiele - und keiner geht hin. Der Ansturm auf Hotelzimmer in Peking ist ausgeblieben. Viele Veranstalter haben ihre China-Reisen abgesagt - aber die Hotelflaute ist auch hausgemacht.

PEKING. Eigentlich hatte sich Kevin Lau seinen Job anders vorgestellt. Den Ansturm der Touristen zu den Sommerspielen wollte der Chinese, der in Peking Olympia-Karten und Hotelbetten verkauft, in Ruhe von seinem klimatisierten Büro aus verwalten. Jetzt ist er im heißen Sommersmog der Hauptstadt unterwegs und muss Klinken putzen. Denn keine vier Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele bleiben die Besucher aus. Dabei hat Lau an diesem Vormittag echte Schnäppchen im Angebot: Ein Doppelzimmer in einem Vier-Sterne-Hotel für nur 70 Euro. Doch das Sportfest zieht in China bislang kaum die Massen an - schon gar nicht die aus dem Ausland. Für die Zeit der Wettkämpfe im August sind noch viele Hotelbetten frei, bestätigen alle Reisebüros.

Die Olympia-Organisatoren nennen als Grund für die Hotelflaute, dass 2008 kein olympisches, sondern ein Katastrophenjahr geworden ist. "In diesem Jahr sind so viele Dinge in China passiert", klagt die Direktorin des Pekinger Tourismusbüros, Zhang Huiguang. Erst das Schneechaos, dann die Tibet-Krise, das Erdbeben und schließlich sintflutartige Regenfälle - viele Veranstalter hätten ihre China-Reisen abgesagt.

Doch die Hotelflaute ist auch hausgemacht. "Natürlich spüren wir die neue Visapolitik der chinesischen Regierung", sagt ein ausländischer Hotelmanager in Peking. Viele in China lebende Ausländer mussten das Land bereits verlassen, da sie ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht wie bisher einfach vor Ort verlängern können.

"Ich hoffe, dass ich zu den Spielen zurück bin", bangt ein deutscher Anwalt, der in Deutschland auf sein Visum hofft. Der seit Jahren in China arbeitende Jurist hatte schon früh Olympia-Karten gekauft. Ein Fehler, der auch deutschen Olympia-Fans blühen kann. Ob Tourist, Journalist oder Geschäftsmann - China lässt Ausländer nur ins Land, wenn der persönliche Hintergrund der einreisenden Person aus "Sicherheitsgründen" genau bekannt ist. Da müssen Manager schon mal neben der Hotelbuchung ihr Abiturzeugnis vorlegen, Geschwister ihre Familienzugehörigkeit beweisen und Journalisten über jede Stunde ihres Aufenthalts vorab Auskunft geben. Die Folge: Kongresse, Messen und andere Großveranstaltungen wurden gestrichen. "Wir machen einen großen Bogen um China", sagt ein Manager eines deutschen Konzerns.

Was in anderen Ländern rund um Olympia aufblüht - ein buntes, internationales und gesellschaftliches Leben -, ist in China nicht im Sinne der Veranstalter. In Peking wurden bereits viele Diskos und Kneipen geschlossen. Und überall sind die Sicherheitsvorkehrungen so verstärkt worden, dass Besuchern schon jetzt der Spaß am Stadtbummel vergangen ist. All das trifft die Hotelbranche. "Nur die Top-Adressen für die Offiziellen sind schon ausgebucht", klagt auch Qi Zhang, Manager des für die Spiele gerade eröffneten Hotels Zhong Guan Cun nahe dem Pekinger Chaoyang Park. In seinem Vier-Sterne-Haus sei bislang im August nur die Hälfte der 150 Zimmer gebucht, obwohl sein Hotel eine Olympia-Übernachtung schon für 100 Euro anbietet - und mit einem Rabatt bei einer längeren Buchung lockt.

Vor allem in der Drei- und Viersterne-Kategorie sind die Preise in den vergangenen Wochen gefallen, bestätigt das Pekinger Tourismusbüro. Selbst im Kempinski, in dem das "Deutsche Haus" während der Spiele untergebracht ist, sind noch Betten frei. Ein deutscher Manager hat sich jetzt für die Spiele für 250 Euro pro Nacht eingebucht. Vor einem Monat verlangte das "Kempi" für die Zeit der Olympischen Spiele noch 550 Euro.

Doch Kevin Lau gibt nicht auf. "Nur zehn Minuten mit der U-Bahn vom Olympia-Stadion entfernt", bietet er im heißen Pekinger Sommersmog seine günstigen Zimmer wie Sauerbier an - auch an diesem Vormittag wird er nichts los. "Aus dem großen Geschäft wird wohl nichts", stöhnt er. Vom Zehnfachen des normalen Preises, den manche ursprünglich von den Olympia-Gästen kassieren wollten, spricht in Peking heute niemand mehr.

Knallharter Kampf

Überkapazitäten

In Peking gibt es fast 6 000 Hotels mit 660 000 Betten. Schon 2005 hatte die Regierung vor Überkapazitäten gewarnt. Nachdem das Geschäft mit den Olympischen Spielen offenbar hinter den Branchenerwartungen zurückbleiben wird, erwarten Hoteliers ab dem Jahr 2009 einen knallharten Verdrängungswettbewerb.

Besucherrückgang

Nach offiziellen Angaben rechnet China in diesem Jahr mit rund 59 Millionen Touristen. In den ersten drei Monaten kamen laut der Statistik gegenüber dem Vorjahresquartal sieben Prozent mehr Besucher (32,6 Millionen). Peking besuchten 2007 allein rund vier Millionen Touristen. Im April - kurz nach Einführung der neuen, restriktiven Visapolitik - kamen aber bereits 5,3 Prozent weniger Ausländer nach Peking als im Vorjahr. Im Mai lag der Rückgang schon bei 12,5 Prozent.

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