
Sie glauben tatsächlich, dass Obama mit Online-Marketing seine wirtschaftliche Leistungsbilanz kompensieren kann?
Eine Reihe von Studien zeigt, dass sich die Wähler immer später entscheiden. Im Zeitalter zunehmender sozialer und räumlicher Mobilität nehmen enge Bindungen an soziale Gruppen und Parteien tendenziell ab, die Zahl der Stammwähler schrumpft. Damit gewinnen Wahlkämpfe immer mehr an Bedeutung. Und Obamas Wahlkampfmaschine ist klar im Vorteil. Zum Beispiel übertrifft Obama seinen Rivalen Romney beim Spendensammeln um ein Vielfaches.
Wie hat Obama seine „Wunderwaffe“ denn im Vergleich zum letzten Präsidentschaftswahlkampf weiterentwickelt?
Schon 2008 verfügte Obama über rund 13 Millionen Email-Adressen und persönliche Angaben wie Alter, Familienstand und Hobbys. Laut Obamas Strategen David Axelrod wird die Kampagne von 2008 „prähistorisch“ sein im Vergleich zu dem, was dieses Jahr technologisch passiert. Insbesondere wird die Wähleridentifikation verbessert, das so genannte Microtargeting. Bereits vor vier Jahren konnte Obama seine Mailings auf „umweltbewusste iPhone-Nutzer mit Collegeabschluss zwischen 30 und 40 Jahren“ zuschneiden. Dieses Jahr verfügt die Obama-Kampagne sogar über genug Daten um zu wissen, dass man diesen Mail-Empfänger nicht auffordern sollte, seinen arbeitslosen Nachbarn um eine Spende zu bitten. Das Sammeln persönlicher Daten und die Registrierung wird durch die rasante Verbreitung von Smartphones einfacher und schneller als noch 2008.
Was können deutsche Wahlkampfstrategen von den US-Kandidaten lernen?
Es reicht nicht aus, als Politiker ein Profil auf Facebook anzulegen und dort Pressemitteilungen hoch zu laden. Die politischen Akteure müssen die Bereitschaft entwickeln, Kontrolle abzugeben und den Usern veritable Partizipationsmöglichkeiten zuzugestehen. Nur so lassen sich wieder mehr Menschen für die Politik begeistern. Gerade junge Wähler sind mit „Einbahnstraßenkommunikation“ über klassische Zeitungslektüre und selbst über das Fernsehen kaum noch erreichbar. Das Internet bietet die Chance, mit den Wählern in einen echten Dialog zu treten. Und dieser Dialog ist im Zeitalter zunehmender Politikverdrossenheit dringend notwendig.