Oper-Absetzung
„Deutschland hat sich verändert“

Selten gab es so eine parteiübergreifende Übereinstimmung wie bei der Kritik an der Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin. Politiker nennen dies "Signal von Feigheit" oder "grenzenlose Blamage". Die ausländische Presse geht weiter: Deutschland habe sich seit den Protesten wegen der Mohammed-Karikaturen verändert.

HB FRANKFURT. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth nannte die Entscheidung am Mittwoch ein „Signal von Feigheit“. Der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz erklärte, die Intendanz der Deutschen Oper blamiere sich grenzenlos.

Auch die ausländische Presse kritisierte die Entscheidung. „Mozart wird in Berlin aus Angst davor, den Islam zu beleidigen, zensiert“, schrieb die italienische Zeitung „La Repubblica“. Während Berlin Schiffe und Soldaten für die Friedenstruppe in den Libanon entsende, wachse die Angst vor Attentaten. „Vergangene Woche sind Drohungen der Hisbollah ohne Antwort geblieben. Jetzt hat die Selbstzensur Idomeneo dahingerafft.“ Nicht alle Theater in Deutschland würden solche Zugeständnisse machen wie die Deutsche Oper Berlin, hieß es in der Londoner „Times“.

Die österreichische Zeitung "Der Standard" kommentierte unter der Überschrift "Angst vor Amadeus": "Selten hat es (wenn auch unfreiwillig) eine derart groteske Ouvertüre zu einer politischen Veranstaltung im Nachbarland gegeben..... Es hat sich auch in Deutschland etwas verändert seit den weltweiten Ausschreitungen wegen der Mohammed-Karikaturen. Die Gedanken sind nicht mehr so frei wie früher..... Angst essen Seele auf, hieß das vor 30 Jahren bei Rainer Werner Fassbinder. Angst essen Mittelweg auf, könnte man heute meinen. Denn eine Möglichkeit wäre auch gewesen, Idomeneo auf dem Spielplan zu belassen und sich der Problematik sowie möglicher Proteste zunächst einmal in Diskussionen zu stellen."

Laut SPD-Politiker Wiefelspütz ist „Idomeneo als Oper Weltklasse. Die Entscheidung der Intendantin ist nicht einmal Kreisklasse“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion in den „Ruhr Nachrichten“ über den Entschluss der Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms. „Wenn nicht einmal mehr die Intendantur eines Opernhauses für die Freiheit der Kunst ficht und streitet, wer soll das denn sonst tun“, kritisierte Wiefelspütz.

Merkel äußerte sich ähnlich: „Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich“, sagte die Bundeskanzlerin der „Neuen Presse“ in Hannover. Zulässig sei Selbstbeschränkung nur, „wenn sie aus Verantwortung im Rahmen eines echten, vollkommen gewaltlosen Dialogs der Kulturen folgt“.

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