Operation „Yalcin Nane“
Türkei lässt gegen den IS die Waffen sprechen

Der türkische Präsident Erdogan hat die Gefahr, die vom IS ausgeht, lange Zeit heruntergespielt. Nun trägt die Terrormiliz den Krieg in die Türkei, Ankara antwortet mit Luftangriffen – der Konflikt kommt Europa näher.
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AnkaraLuftwaffenbasis Diyarbakir in der Südosttürkei: Am Freitagmorgen um 3.12 Uhr heben drei F-16-Kampfflugzeuge der türkischen Streitkräfte von der Startbahn ab, steigen steil in den nächtlichen Himmel. Die Maschinen donnern nach Südwesten, nehmen Kurs auf die Provinz Kilis an der syrischen Grenze.

Keine 20 Minuten dauert der Flug, dann haben die Kampfpiloten ihre Ziele im Visier: militärische Stellungen und ein Versammlungsplatz der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) jenseits der Grenze, nahe der syrischen Ortschaft Havar. Aus dem türkischen Luftraum feuern die Piloten ihre Lenkwaffen ab. 13 Minuten dauern die in mehreren Wellen geflogenen Angriffe. Um 3.53 Uhr ist der Einsatz beendet, die Maschinen kehren nach Diyarbakir zurück.

Die Operation trug den Codenamen „Yalcin Nane“ – so hieß ein türkischer Offizier, der am Donnerstag bei einem Feuerüberfall des IS auf einen Militärposten in der Grenzprovinz Kilis erschossen wurde. Der Angriff auf den Grenzposten war der zweite schwere Zwischenfall, nachdem ein mutmaßlicher IS-Selbstmordattentäter am Montag in der Grenzstadt Suruc bei einem Anschlag auf eine Versammlung junger Kurden 31 Menschen mit in den Tod gerissen hatte.

Die Entscheidung zu den Luftangriffen fiel am späten Donnerstagabend bei einer Krisenkonferenz in Ankara. „Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen“, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu. Mindestens 35 IS-Kämpfer seien bei dem Luftangriff getötet worden, meldete die Nachrichtenagentur Dogan. „Die türkische Republik ist entschlossen, alle nötigen Maßnahmen zur nationalen Sicherheit zu ergreifen“, hieß es in einer Mitteilung der Regierung.

Dieser erste direkte Militäreinsatz der Türkei gegen den IS in Syrien markiert eine Wende in der Politik Ankaras gegenüber der Terrormiliz. Die Türkei hatte den IS zwar bereits 2013 als Terrororganisation eingestuft und ist Mitglied der Koalition gegen den IS, hielt sich aber bisher militärisch zurück und bremste die Koalition sogar.

So durften die USA den Nato-Stützpunkt Incirlik nicht für Angriffe auf den IS nutzen. Hintergrund ist ein Dissens über die Syrienpolitik: Während die USA dem Kampf gegen den IS Priorität einräumen, arbeitet die Türkei vor allem am Sturz des Assad-Regimes in Damaskus – gegen das auch der IS kämpft.

Lange hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan deshalb die Gefahr, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ausgeht, heruntergespielt. Nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ließ er die Dschihadisten gewähren. Verwundete IS-Kämpfer wurden in der Türkei verarztet, ungestört konnte die Terrormiliz angeworbene Rekruten über die Türkei nach Syrien schleusen. Türkische Oppositionspolitiker werfen der Regierung sogar vor, sie habe Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an die Terrormiliz autorisiert.

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