Opfer der Krise
Dramatische Rettungsaktion für Islands Finanzsystem

Island könnte das weltweit erste Land sein, das wegen der Finanzkrise Bankrott anmelden muss: Regierungschef Geir Haarde kündigte eine Notstandsgesetzgebung an, die es seiner bürgerlichen Regierungskoalition erlauben soll, die schwer angeschlagenen Banken komplett zu übernehmen. Russland kündigte unterdessen eine Rettungsaktion für Island an.

STOCKHOLM. Haarde schloss in Reykjavik aber auch nicht mehr aus, dass sein Land erstes Opfer der Krise werden könnte. "Es könnte zu riskant für uns sein, den Banken unseres Landes eine Rettungsleine zuzuwerfen. Deshalb ist es eine realistische Möglichkeit, dass die isländische Wirtschaft zusammen mit den Banken untergeht", sagte Haarde am Montagabend in einer dramatischen Fernsehansprache.

Geichwohl kündigte er Sofortmaßnahmen an, um das Land und dessen Finanzsystem vor dem vollständigen Kollaps zu retten. "Wir sind bereit, die Kontrolle über die Banken zu übernehmen", sagte er. Auch wolle sich seine bürgerliche Regierung das Recht vorbehalten, die schwer angeschlagenen Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir zu fusionieren oder sie bankrott zu erklären. Haarde kündigte zugeleich die Bildung eines Fonds an, der im Notfall alle Haushypotheken der Isländer übernehmen kann.

Am Dienstag teilte die isländische Nationalbank mit, Russland greife dem Land mit einem Kredit über vier Milliarden Euro unter die Arme. Das Darlehen solle über vier Jahre laufen.

Die drei isländischen Banken waren in den vergangenen Jahren vor allem im Ausland auf großer Einkaufstour und hatten die Übernahmen größtenteils über Schulden finanziert. Mittlerweile sind die Verbindlichkeiten von Kaupthing, Landsbanki und Glitnir rund neun Mal so hoch wie das isländische Bruttonationalprodukt. Insofern bezweifeln Experten wie Herleif Håvik vom norwegischen Börsenmakler Carnegie, ob der isländische Staat überhaupt in der Lage wäre, das Finanzsystem aus eigener Kraft vor dem Zusammenbruch zu retten. Obwohl Island mit seinen 320 000 Einwohnern gerade einmal die Größe einer mittleren deutschen Stadt hat, könnte ein Zusammenbruch des isländischen Bankensystems lange Schatten auf das gesamte europäische Finanzsystem werfen. Denn die Banken von der Insel im Nordatlantik haben sich in viele europäische Banken und Versicherungsgesellschaften wie die deutsche Commerzbank, die norwegische Storebrand und die finnische Sampo eingekauft. Auch in Großbritannien halten die Isländer Anteile an Banken.

Der isländische Staat hatte bereits in der vergangenen Woche für 600 Mio. Euro 75 Prozent der Glitnir Bank übernommen. Noch am Montag Vormittag hatte sich die Regierung optimistisch gezeigt, dass die Krise überwunden werden könne. "Zuletzt sah es so aus, als ob die Banken ihre Geschäfte noch eine Weile weiter führen könnten", erklärte Haarde dann am Abend, "doch an diesem Morgen und im Laufe des Tgaes haben sich die Dinge dramatisch zum Schlechteren verändert".

Die isländische Krone, die bereits zuvor schwer unter Druck stand, verlor allein am Montag gegenüber dem Dollar rund 23 Prozent ihres Wertes. Seit Jahresbeginn sank ihr Wert um 70 Prozent. Damit werden die Importe deutlich teurer, sodass nicht einmal mehr Hamstereinkäufe ausgeschlossen werden können.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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