Orhan Pamuk
Die Freiheit des Literaten

Dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk droht eine Gefängnisstrafe, weil er den Mord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg angeprangert hat. Der Prozess gilt als Testfall für die Reformfähigkeit der Türkei. Heute begann das Verfahren mit einer Überraschung.

HB ISTANBUL. Im Gefängnis war Orhan Pamuk noch nicht. Das unterscheidet ihn von Schriftstellerkollegen wie Aziz Nesin, Nazim Hikmet oder Yasar Kemal. Die Türkei hat ihre meisten bekannten Autoren immer wieder vor Gericht gezerrt und eingesperrt. Viele haben einen Großteil ihrer Bücher hinter Gittern geschrieben. Orhan Pamuk dagegen schreibt in einem komfortablen Apartment in bester Istanbuler Lage mit Blick auf den Bosporus. Pamuk sagt, manche Freunde hätten ihm schon scherzhaft vorgehalten, er sei gar kein richtiger türkischer Schriftsteller, weil er noch nie vor Gericht gestanden habe.

Wenn es dieses Ritterschlags tatsächlich bedurfte, bekommt er ihn jetzt. Von heute an sollte sich Orhan Pamuk vor einer Istanbuler Strafkammer wegen "öffentlicher Herabwürdigung des Türkentums" verantworten. Darauf stehen sechs Monate bis drei Jahre Haft. Pamuk könnte aber zu vier Jahren verurteilt werden, denn in seinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass er seine "Tat" im Ausland beging. Damit erhöht sich das Strafmaß automatisch um ein Drittel.

Gleich zum Prozessbeginn gab es eine Überraschung: Das Verfahren wurde auf den 7. Februar vertagt. Das Gericht habe einen Antrag des Anwalts von Pamuk abgelehnt, seinen Mandanten bereits am Freitag aussagen zu lassen und eine Entscheidung zu fällen. Der Prozess wird von der EU als Test für politische Reformen und Meinungsfreiheit in der Türkei angesehen.

In einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger hatte Pamuk im Februar gesagt: "Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich." Die Folgen des Interviews: eine beispiellose Hetzkampagne in großen Teilen der türkischen Medien, Aufrufe nationalistischer Türken, Pamuks Bücher zu verbrennen, Morddrohungen – und eine Anklage der Staatsanwaltschaft.

Es verwundert, dass die Türkei ausgerechnet ihren weltberühmten Erfolgsautor Orhan Pamuk, den diesjährigen Friedens-Preisträger des deutschen Buchhandels, verfolgt – brüstet sich die Regierung in Ankara nicht demokratischer Reformen, die der Türkei den Weg nach Europa ebnen sollen? Verständlich, dass die Anklage einen Proteststurm in Europa auslöste. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn nannte das Verfahren eine "Provokation" – nicht zuletzt wegen des Datums, an dem es beginnen soll: Vor genau einem Jahr beschloss der Europäische Rat, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen.

Auch der Regierung in Ankara kommt der Prozess ungelegen. Sie sieht ihn als Störmanöver jener nationalistischen Kräfte, die den EU-Beitrittsprozess zu hintertreiben versuchen. Tatsächlich wehren sich große Teile der türkischen Justiz gegen jede Liberalisierung. Dennoch beschwichtigt Außenminister Abdullah Gül: Das Gericht werde über Pamuk schon ein "gerechtes Urteil" fällen. Im Übrigen sei es "ungerecht", seinem Land mangelnde Freiheiten vorzuwerfen: "Ich kann der Welt mitteilen, dass es in der Türkei Meinungsfreiheit gibt", erklärte Gül; dafür habe seine Regierung mit ihrer Reformpolitik gesorgt.

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