Orlando nach dem Attentat
Trump instrumentalisiert die Toten

Donald Trump nutzt das Massaker in Orlando mit 50 Toten für den Wahlkampf. Wie er die Wahrheit verdreht, ist mehr als empörend und respektlos gegenüber den Opfern. Eine Taktik, die sich rächen könnte. Ein Kommentar.

New YorkDie Schießerei in einem Nachtklub in Orlando war erst ein paar Stunden in den Nachrichten, da nutzte sie Donald Trump bereits für den Wahlkampf. In einer Pressemitteilung ließ er veröffentlichten: „Ich habe gesagt, dass dies passieren würde – und es wird nur schlimmer werden.“ Wenn Hillary Clinton Präsidentin der USA werde, dann würden „Hunderttausende“ von Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten ins Land kommen.

Abgesehen von der Gefühllosigkeit von Trump, den vielen Toten nicht seinen Respekt zu erweisen und ihr Sterben für politische Zwecke zu nutzen, empört das Statement durch seine Verlogenheit. Sicherlich war der Attentäter Omar Mateen der Sohn eines Einwanderers aus Afghanistan. Aber die USA nehmen nur 10.000 Flüchtlinge aus Syrien und dem Mittleren Osten auf. Selbst die magere Quote hat das Land erst zu einem Viertel ausgeschöpft. Und das unter einem demokratischen Präsidenten.

Nur ein differenzierter Umgang mit den Ursachen von Terrorismus hilft. Dazu gehört das Versagen des FBI, das den Täter bereits zweimal im Visier hatte. Auch Teil des Problems ist die Leichtigkeit, mit welcher der bereits im Verdacht stehende Mateen ein Schnellfeuergewehr erwerben konnte.

Waffen sind ein systematisches und gesellschaftliches Problem. Die 50 Toten in Orlando sind schlimm, aber schon seit Jahren steigt die Zahl der durch Waffen gestorbenen Amerikaner. Ob durch Gewalt, Versehen oder Selbstmord: In diesem Jahr werden 35.000 Amerikaner durch eine Kugel umkommen. Die Zahl muss man sich mit Schrecken vor Augen halten. Seit 1968 sind laut der Stiftung Politifact mehr Amerikaner in ihrem eigenen Land durch Waffengewalt gestorben, als in allen seitdem von den USA geführten Kriegen.

Doch Trump erwähnt mit keinem Wort das Thema Waffen. Ihm geht es nicht um Fakten, der Suche nach Ursachen. Es geht um Politik, besser gesagt Demagogie. Kurzfristig wird sich das für ihn lohnen, der Stimmenfang mag in Zeiten der Angst und Unsicherheit gelingen. Mittelfristig aber setzt sich die Vernunft durch.

Amerikaner mögen ihre Waffen zu sehr lieben, aber dumm sind sie nicht. Sie wollen einen Präsidenten, der in einem tragischen Moment wie jetzt nicht zu Twitter greift, sondern sich mit dem Problem auseinandersetzt, der in der Trauer versöhnt und nicht spaltet. Seine Konkurrentin Clinton tat genau das, und dafür verdient sie gebührenden Respekt – und einen erdrutschartigen Wahlsieg im November.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York
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