Ortsbesuch

Die Sisyphusarbeit der Griechen

Handeln statt warten, nach vorne gehen statt jammern: Unternehmer und Politiker, Ökonomen und Kreative - viele Menschen arbeiten an der Vision eines neuen Griechenlands, eines ehrlicheren, innovativeren, unbürokratischeren Griechenlands. Die große Frage: Schaffen sie es, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu scharen? Es gibt zumindest Indizien, wie die Antwort ausfallen könnte. Ein Ortsbesuch im Epizentrum der Euro-Krise.
27 Kommentare
Held der griechischen Mythologie: Sisyphos versucht, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen.

Held der griechischen Mythologie: Sisyphos versucht, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen.

Gikas Hardouvelis schiebt die Lesebrille auf die Nasenflügel und beugt sich über ein eng beschriebenes Blatt Papier. Rechts und links auf seinem Schreibtisch türmen sich die Akten. In jeder einzelnen steckt ein neues Thema, ein neuer Reformvorschlag, ein neuer Lösungsansatz. Zur Bankenrettung, zur Privatisierung von Staatsfirmen, zum Schuldenabbau.

Sein Schreibtisch steht in einem Büro gleich rechts neben dem Amtszimmer von Lukas Papademos, dem griechischen Premierminister. Hardouvelis leitet das Ökonomische Büro des Regierungschefs in dessen Amtssitz, der Villa Maximos. Alles, was Papademos in diesen Tagen tut, bespricht er vorher mit Hardouvelis. „Ich hatte noch nie einen so harten Job“, sagt der Ökonom. Aber wohl auch noch nie einen so wichtigen. Das Land wartet auf Lösungen. Auf schnelle Lösungen.

Ökonom Gikas Hardouvelis. Quelle: Nilkos Pilos für Handelsblatt

Ökonom Gikas Hardouvelis.

(Foto: Nilkos Pilos für Handelsblatt)

Darum gibt es in Griechenland keinen langen Wahlkampf. Am 6. Mai wählen die Griechen ein neues Parlament. Spätestens im Juni muss es weitere Reformen beschließen. Hardouvelis bereitet sie schon jetzt vor. Denn nur, wenn das Land den Zeitplan einhält, fließt die nächste Tranche aus dem Hilfspaket der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds. Einmal mehr muss das Land sich vor dem Bankrott retten. Die Bürger verlieren die Geduld. 21 Prozent der Griechen sind arbeitslos, bei den 15- bis 24-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Die Einkommen im öffentlichen Dienst wurden um 20 Prozent und mehr gekürzt, die Löhne in der Privatwirtschaft sanken 2011 um mehr als elf Prozent. So hat sich Griechenland teils selbst verschuldet, teils erzwungen in eine Falle manövriert: In einer Zeit, in der es wachsen müsste, schrumpft es.

So kann es nicht weitergehen, sagen Unternehmer und Politiker, sagen Ökonomen und Kreative. Anders als zu Beginn des langen Abstiegs ihres Landes schauen die Griechen dabei nicht mehr verzagt zu, beschränken sich nicht mehr auf Jammern und Konservieren alter Privilegien. Sie warten nicht mehr darauf, dass die Politik etwas tut. Sie tun selbst etwas.

Aber noch ist die neue Aufbruchsstimmung nicht gefestigt. Noch gibt es viele Griechen, die sich als Opfer einer internationalen Verschwörung fühlen, noch ist es nicht ausgeschlossen, dass die Griechen bei der Wahl Parteien stärken, die eher auf Protest denn auf konstruktives Arbeiten an der Zukunft des Landes setzen, noch ist nicht ausgeschlossen, dass der alte Schlendrian zurückkehrt.

Aber noch nie waren die Chancen so gut, dass die Griechen ihr Phlegma überwinden. Die erneute Reise in das Epizentrum der Euro-Krise sechs Monate nach dem ersten Besuch des 20-köpfigen Handelsblatt-Reporter-Teams führt zu einem Wirtschaftswissenschaftler, der selbst ins Parlament drängt, einem Unternehmenschef, der Arbeitsplätze schafft, einem Behördenchef, der gegen alte Seilschaften kämpft – Menschen, die Beharrungsvermögen durch Tatkraft ersetzt haben. Sie alle arbeiten an einer Vision. An der Vision eines neuen Griechenlands, eines ehrlicheren, innovativeren, unbürokratischeren Griechenlands. Die große Frage: Schaffen sie es, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu scharen? Es gibt darauf bisher keine Antwort. Aber Indizien, wie die Antwort ausfallen könnte.

Realitätssinn
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27 Kommentare zu "Ortsbesuch: Die Sisyphusarbeit der Griechen"

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  • Betr. Zeus
    Also - ich glaube inzwischen, dass die Redaktion diesen Zeus erfunden hat, um die Klickquote zu erhöhen...
    So einfältig kann doch ein echter Mensch gar nicht sein. Trotzdem: herzlichen Glückwunsch, Redaktion! Gute Idee!

  • Auch wenn der Dokumentarfilm anstrengend ist, zeigt er doch, wie verbrecherisch dieses illegitime Schuldensystem aufgebaut ist.
    Der einzige Ausweg ist die Aufklärung der Völker über die Illigitimität der handelnden Regierungen Europas!
    Sehr guter Film.
    Danke für den Link

  • Der Artikel ist etwas langatmig so viel Zeit habe ich nicht. Wenn GR aus dem Euro austräte, müsse man sich um das Wachstum keine Gedanken mehr machen. GR würde boomen.

    Die langatmigkeit zeigt nur wie schwierig es ist Hoffnung herbeizuschreiben. Die Scheere zwischen uns und GR wird jede einzelne Stunde größer.

    Mit jeder Stunde, die GR auf der Euro-Austritt verzichtet, werden sie nur tiefer in den Abgrund rutschen.

    Es ist ja gerade das Ziel des Euros die PIIGS mittels Export auszubeuten, bis ihr Blut kommt. Und jetzt kommt Blut.

  • @HabeMeinenUrlaubStorniert

    Wie verblendet kann man nur sein!! Das hat Du wohl von deinen Verbrecher-Vorfahren geerbt. Das gilt auch für den Beitrag von ANDRE. Solche inhaltslosen Geister konnten schon immer leicht manipuliert werden. Einfach armselig, so etwas von sich zu geben. Aber zu einer Demokratie gehört es, dass auch diese Äußerungen getätigt werden können. Diese Demokratie wurde von jener Kultur geründet und hat die gesamte westliche Welt maßgeblich geprägt,die Du nun mit deinem ungewaschenen Mund gänzlich beschimpfst. Du solltest um diese Zeit lieber schlafen als im Suff solche Kommentare zu schreiben. NICHTSNUTZ

  • Mir ist unklar, weshalb die Handelsblatt-Redakteure entgegen der offiziellen GR-Notenbank eine so optimistische Äußerung abgeben können. Noch vor 5 Tagen, am 25.4.2012, erschien an dieser Stelle der Wortlaut "Eurokrise 2.0 spitzt sich weiter zu
    Die griechische Wirtschaft wird 2012 noch weiter abstürzen, prognostiziert die Griechische Zentralbank. Ihr Chef, Giorgos Provopoulos, attackiere die Politiker in Athen hart, meint das » Handelsblatt. Provopoulos habe die Regierung zu "entschlossenen Reformen" aufgerufen, denn in den beiden vergangenen Jahren hätten "Nachlässigkeiten und Verzögerungen" die Schuldendynamik beschleunigt." (von mir einkopiert). Wer, bitte, hat wohl mehr Einblick in die tatsächliche GR-Situation? Eine Antwort dazu ist überflüssig.

  • Die ökonomischen und finanzpolitischen Mentalitätsunterschiede zwischen Süd- und Mittel/Nordeuropa sind zu unterschiedlich, als das sie in wenigen Jahren, geschweige denn Generationen angeglichen werden könnten. Mit den laufenden Transferleistungen gibt es keinen ausreichenden Druck auf die Südländer zur Anpassung an die notwendigen ökonomische Realitäten, zum Beispiel die Arbeitsproduktivität spürbar zu steigern. GR 16,50 €/Arbeitsstunde, D 39,60 €/Arbeitsstunde, alles laut OECD. Da liegen Welten dazwischen. Nur als Beispiel. Mentalitäten lassen sich weder mit Sparprogrammen noch mit Krediten und schon gar nicht mit Subventionen verändern, sondern nur mit ökonomischen Zwängen, wie dem Wechselkursmechanismus. Diese Erkenntnis ist überhaupt nicht neu, wird nur vor lauter falscher Solidarität permanent von den Politikern ignoriert. Die EURO-Transferunion ist damit dauerhaft installiert.

  • Wie sich die Geschichte wiederholt! Im Jahre 1832 wird von England und Frankreich, den hauptsächlichen Geldgebern des befreiten Griechenlands, der bayerische Prinz Otto, Sohn von König Ludwig I als erster griechischer König eingesetzt. Er sollte Garant für eine Verwaltung sein, die eine spätere Rückzahlung ermöglicht. Sein Vater schickt ihn mit seinen besten Experten der Verwaltung, einer bayerischen Armee und 60 Millionen Franken los. Der bayerische Architekt Friedrich von Gärtner errichtet den Staatspalast nach Anregungen von Klenze und Schinkel. Wir sehen ihn fast jeden Abend in den Nachrichten, mit dem Kommentator auf dem Syntagma-Platz im Vordergrund und lassen uns von der Fassade auf das klassische Griechenland einstimmen. Doch der bayerische Architekt überlegte sich wohl, wie ein Engländer sich die klassische griechische Architektur vorstellt. Die Griechen wurden nie gefragt. Die hätten lieber eine byzantinische Hagia Sophia (natürlich ohne die später dazugebaute Minarette) gewünscht. Doch in der Regierung Ottos war kein einziger Grieche, nur bayerische Technikraten. Diese erreichten tatsächlich 1842 einen ausgeglichenen Haushalt. Doch schon 1843 revoltierten die im Freiheitskampf gegen die osmanische Herrschaft leiderprobten Griechen gegen die „Bavarokratia“ (Griechischer Orginalton Βαυαροκρατία ) . Otto sprach perfekt Griechisch, aber ob er seine tief in der identitätsgebenden orthodoxen Kirche und im Byzantinismus verwurzelte Landeskinder verstanden hat, darf bezweifelt werden. Hat er die tiefe Menschlichkeit in der einfachen Bevölkerung irgendwann einmal spüren dürfen?
    Es wird Zeit einmal schonungslos die Realität zur Kenntnis zu nehmen.
    Unser Bild von den Griechen liegt zwischen verlogenen Betrügern und gebildeten Kindern von Plato und Alexander dem Großen. Die Krise könnte auch die Chance zu einem realistischen gegenseitigen Verstehen und Neustart in gegenseitiger Wertschätzung werden. Verblendung schafft nur neues Leid.

  • Also nach zwei Jahren Griechenlandkrise und exorbitanten Schuldenberg wird man konfrontiert mit Rentnern, die Probleme in der Arzneimittelversorgung haben. Dies kommt u.a. da es noch offene Rechnungen gab, die nicht bezahlt worden sind. Die Lieferung scheint erfolgt zu sein und der Verkauf höchstwahrscheinlich auch. Jeder regt sich über die Arzneimittelversorgung auf, aber niemand über die Tatsache, dass da ein Haufen Geld vom Tisch gefallen ist. Bis heute beinahe keine Artikel zu diesem Thema, wobei gerade dies für Griechenland wichtig wäre. Will das land eine wirkliche Chance, dann muss man schon schauen, wer was verursacht hat und gegebenenfalls auch mal die legalen Konsequenzen von betrügerischen Handlungen erfahren lassen. Aus diesem Grunde sehe ich auch keine guten Chancen für Griechenland. Wobei ich benachdrücken möchte, dass der Durchschnitssbürger in so einer Gesellschaft wahrscheinlich wenig mitzubestimmen hat. Wie überall, man passt sich an und adaptiert sich an die Umstände. So lange die Umstände gleich bleiben, findet keine neue Ausrichtung statt.

  • Deutschland rettet Griechenland mit Hilfszahlungen und die Griechen verbrennen oeffentlich deutsche Fahnen und spucken in das Essen von deutschen Urlaubern. Nie wieder Urlaub in Griechenland!!!

  • @Andre

    Der durchschnittliche Grieche hat die desaströsen Entwicklungen weder verursacht noch zu verantworten.

    Vielleicht sollten Sie deshalb Ihr Statement nochmals überdenken und Urlaub in privat geführten griechischen Hotels verbringen.

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