Ost-West-Konflikt
Der verdrängte Krieg

Der kalte Krieg ist längst nicht mehr unmittelbar, die Zeiten der atomaren Bedrohung vor der eigenen Haustür vorbei. Doch wenn die USA und Russland über ein Raketenabwehrsystem in einen Streit geraten, werden schnell Parallelen gezogen. Wenngleich die Rhetorik im neuen Ost-West-Konflikt ähnlich gestrickt zu sein scheint wie damals, die Ausgangslage unterscheidet sich vollkommen.

Zwei distinguierte Herren wandern auf einem Bergpfad im Schweizer Jura. Sie schenken der Landschaft, die sich dort am Nachmittag des 16. Juli 1982 von ihrer schönsten Seite zeigt, kaum einen Blick. Paul Nitze und Julij Kwizinski diskutieren vielmehr über eine Gefahr, die so gar nicht zu der idyllischen Umgebung passt: Das atomare Wettrüsten nimmt zu, das Risiko einer nuklearen Auseinandersetzung wächst. Die beiden arbeiten an einem Plan, der Abhilfe schaffen soll.

Vor einem Vierteljahrhundert, in einem besonders brisanten Stadium des Kalten Krieges, ging es dem amerikanischen Chefunterhändler, früher als „Nixons harter Mann für Atomwaffen“ tituliert, bei den in Genf stattfindenden Verhandlungen über die Reduzierung taktischer Nuklearsysteme und seinem sowjetischen Kollegen um die Begrenzung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa. Die Sowjets bedrohten den Westen mit neuen SS 20-Raketen, die Nato antwortete mit atomar bestückten Marschflugkörpern und Pershing-Raketen – und löste damit eine europaweite Furcht vor einem außer Kontrolle geratenden Wettrüsten aus, die zu einer Massenbewegung für Abrüstung wurde. „Frieden schaffen ohne Waffen“ oder „Schwerter zur Pflugscharen“ lauteten die einschlägigen Parolen.

Der zwischen Nato und Warschauer Pakt mehr als drei Dekaden zuvor gestartete und dann stets an Tempo gewinnende Rüstungswettlauf sollte nun in einem späten Stadium zumindest abgebremst werden.

Auch heute hat die Vokabel Rüstungswettlauf wieder Konjunktur. Wieder sind Ost und West involviert. Und wieder lauert die Gefahr, dass sich die Protagonisten in martialischer Rhetorik verlieren. Wladimir Putins jüngste Drohung, russische Raketen auf westliche Ziele zu programmieren und den Vertrag über die Begrenzung konventioneller Waffensysteme aufzukündigen, liefert ein Beispiel.

Das sind allerdings auch schon die einzigen Parallelen. Offenbar ist die Realität des Kalten Krieges schon in Vergessenheit geraten – anders ist es kaum zu erklären, wenn Verbalattacken aus Moskau schon als „neuer kalter Krieg“ bezeichnet werden.

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