Ost-West-Spannungen
Vom Kalten Krieg lernen

„Kalter Krieg“, „Dritter Weltkrieg“: Der Fall der Berliner Mauer ist noch keine 20 Jahre her, da wird der Ton zwischen Ost und West wieder schrill. Sowohl Russlands Präsident Wladimir Putin als auch US-Präsident George W. Bush befleißigen sich heute einer Terminologie, die an längst vergessen geglaubte Zeiten erinnert. Ein Blick in die Geschichte sollte eine Warnung sein.

DÜSSELDORF. Vokabeln wie „Kalter Krieg“, „Dritter Weltkrieg“ gar gehen Bush und Putin locker über die Lippen; dabei sollte derlei nach deutscher Vereinigung und Zerfall des Ostblocks doch auf dem Index verschimmeln. Natürlich, so darf man heute wohl hoffen, werden die beiden Protagonisten ihrer martialischen Rhetorik keine Taten folgen lassen. Aber die US-Pläne zum Bau eines neuen Raketenabwehrsystems und russische Drohungen mit nuklearer Aufrüstung sind eben auch dazu geeignet, den Optimismus in Grenzen zu halten.

Deshalb ist es nur positiv zu werten, wenn sich namhafte Historiker dem Thema „Kalter Krieg“ widmen – und zwar nicht nur aus heutiger Sicht. Der Reiz ist umso größer, als die junge Generation die Zeit vor dem Übergang von den 80er- in die 90er-Jahre selbst nicht bewusst miterlebte. Es gilt also, gerade diese wissen zu lassen, mit welchem Schreckensszenario sich unser Globus nach 1945, also auch nach dem Ende des „heißen“ Zweiten Weltkriegs, konfrontiert sah.

Dabei stellt John Lewis Gaddis, Professor an der Yale University, die Entwicklung vor allem aus US-Perspektive dar. Dass diese zwangsläufig etwas beengt sein muss, scheint er in seinem jüngsten Buch „Der Kalte Krieg – Eine neue Geschichte“ in Kauf zu nehmen. Die USA, so seine Kernthese, hätten nach dem Sieg über die Nazi-Herrschaft dem befreiten westlichen Teil Europas im danach ausgebrochenen Kampf zwischen östlicher und westlicher Weltanschauung ein Gefühl der Sicherheit vor dem Vordringen des Kommunismus verliehen. Als Beispiele nennt Gaddis, vom Verlag mit dem Attribut „Doyen der Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg“ geschmückt, unter anderem den Marshallplan sowie die Luftbrücke mit „Rosinenbombern“ im Verlauf der Berlin-Blockade. Dadurch seien zwar spätestens ab 1947 die Fronten zwischen Ost und West zementiert worden. Den Menschen auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs habe Amerikas Engagement für die folgenden rund 50 Jahre aber doch Frieden und Demokratie garantiert.

Falsch ist diese These nicht. Aber der amerikanische Autor stellt das Handeln seines Landes häufig so dar, als habe es sich um schieren Altruismus gehandelt. Dass die US-Politik damit auch eine Hegemonialstrategie verfolgte, erwähnt er allenfalls am Rande. Vielleicht soll Gaddis gerade deshalb zu den Lieblingshistorikern von George W. Bush zählen. Während sich Gaddis’ Buch weitgehend wie eine mit vielen Anekdoten gespickte Erzählung liest, verlangt die Lektüre von Bernd Stövers „Der Kalte Krieg – Geschichte eines radikalen Zeitalters“ stets volle Konzentration. Der Professor an der Universität Potsdam, wie Gaddis 1961, im Jahr des Mauerbaus, geboren, wählt bei seiner Interpretation der Zeit zwischen 1947 und 1991 eher den globalen Ansatz. Er betrachtet sie nicht nur als einen ideologischen Kampf zwischen Gut und Böse, der überwiegend in Europa inszeniert wurde. Sein Blick schweift auch an die Peripherie des Kalten Krieges. Denn dort wurde der Ost-West-Konflikt allzu oft in Form sogenannter Stellvertreterkriege in Asien und Afrika, auch in Mittelamerika blutig ausgetragen.

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