Osteuropa im Umbruch
Hand in Hand, Schritt für Schritt

Heute wundert sich Sandra Kalniete, wie die Organisation ohne Computer und Handy geklappt hat. Die längste Menschenkette der Welt verband die estnische Hauptstadt Tallinn über Riga in Lettland mit der litauischen Metropole Vilnius. Sie bildet den Höhepunkt der Bewegung hin zur Unabhängigkeit in den baltischen Staaten.

RIGA. Ein Organisationstalent ist sie schon immer gewesen. Doch die Tage und Wochen vor dem 23. August 1989 stellten Sandra Kalniete vor ihre größte Herausforderung. "Wir teilten die Gesamtstrecke in Ein-Kilometer-Abschnitte auf", erinnert sich die 56-jährige Lettin. "Und für jeden Abschnitt gab es einen Verantwortlichen, der für jeweils rund 1,5 Meter Länge eine Person finden musste." Es war eine enorme Planungsaufgabe, denn schließlich sollten auf der rund 620 Kilometer langen Strecke zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn, über Riga in Lettland bis zur litauischen Metropole Vilnius keine Lücken entstehen.

"Es klappte." Kalnietes Stimme klingt auch zwanzig Jahre nach dem Ereignis noch ungläubig. An diesem sommerwarmen Mittwoch versammelten sich in allen drei baltischen Ländern etwa 1,5 Millionen Menschen. Hand in Hand bildeten sie eine Kette zwischen den drei Städten - eine friedliche Demonstration für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion, ein Weckruf für die westliche Welt, den aber auch die Machthaber in Moskau empfangen sollten.

Der Tag war mit Bedacht gewählt: Genau 50 Jahre zuvor unterzeichneten die Außenminister der UdSSR und Deutschlands, Vyacheslaw Molotow und Joachim von Ribbentrop, einen Nichtangriffspakt. Wichtiger noch: Sie einigten sich auf die nach ihnen benannten, geheimen Zusatzprotokolle, die die drei baltischen Republiken unter sowjetische Kontrolle stellten. Ein Jahr später, am 21. Juli, müssen sich die drei Länder der Sowjetunion anschließen.

Als die Kunsthistorikerin Kalniete am Nachmittag des 23. August 1989 in Riga vor die erwartungsvolle Menschenmenge trat, wusste sie noch nicht, dass sie Geschichte schreiben würde. "Nein, die historische Bedeutung unserer Aktion war niemanden von uns bewusst", sagt sie bescheiden. "Heute wundere ich mich am meisten darüber, dass wir die gesamte Organisation ohne Computer und Handy hinbekamen."

Um Punkt 19 Uhr an diesem Mittwoch spielen die drei nationalen Radiosender ein zuvor abgesprochenes Lied. Hunderttausende kleine Transistorradios werden zum Startsignal der Menschenkette, die bis heute als die längste der Welt gilt. Die gemeinsame Aktion stärkt die Menschen in den baltischen Ländern und sendet ein deutliches Signal in die Welt: "Lasst uns die Hände reichen und auf einem gemeinsamen Weg voranschreiten. Der baltische Weg ist der Weg Europas", hieß es in dem Aufruf der Unabhängigkeitsbewegungen der drei Länder.

Die Sowjets griffen nicht ein. Zwei Jahre zuvor hatte der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, mit seiner Glasnost- und Perestroika-Politik eine politische Wende eingeleitet. Die knapp sieben Millionen Menschen der drei baltischen Republiken machen sich diese Lockerung zunutze und singen sich mit Freiheitsliedern ("Singende Revolution") Mut zu. Ints Teterovskis war einer der vielen Tausend Sänger von Freiheitsliedern und Teilnehmer der Menschenkette. "Das waren Emotionen pur", sagt er viele Jahre später und fügt leise hinzu: "Damals wussten wir nicht, ob wir am nächsten Tag noch leben würden."

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