Osteuropabank-Chef Mirow
„Im Notfall muss man füreinander einstehen“

Thomas Mirow rechnet mit Geldtransfers in der Währungsunion, wenn ein Land in Schwierigkeiten gerät. Der Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung über die Zeit des Rettungsschirms - und was danach kommen soll.
  • 1

Handelsblatt: Herr Mirow, der milliardenschwere Rettungsschirm in Europa steht, und doch kehrt keine Ruhe ein. Nach Griechenland muss auch Irland zu Hilfen greifen. Portugal ist ebenfalls gefährdet. Und mit Fällen wie Spanien und Italien könnte die Krise ihren Höhepunkt finden. Zerbricht Europa?

Thomas Mirow: Ich sehe vergleichbare Probleme in Spanien und Italien gegenwärtig nicht. Aber klar ist: Wir müssen uns anstrengen, die Europäische Währungsunion als Kernstück der europäischen Einigung am Leben zu erhalten.

?was für Anstrengungen?

Hier geht es zum einen um kurzfristige Hilfen, wie wir das bei Irland wohl jetzt erleben. Aber wir müssen die Währungsunion auch strukturell stabilisieren.

Kurzfristige Hilfe bedeutet ein Unterschlupfen unter den Rettungsschirm, bei dem die Engländer nicht dabei sind.

England wird sich zusätzlich einbringen, pragmatisch wie es ist, denn die britischen Banken sind mit Krediten in Irland stark engagiert. Den Rettungsschirm mit den britischen Hilfen zu kombinieren, ist eine lösbare Aufgabe.

Das ist alles Stückwerk. Eigentlich bräuchten wir nach dem Vorbild des Internationalen Währungsfonds eine Hilfsinstitution auf europäischer Ebene...

Zunächst geht es darum, Irland zu helfen. Dazu zwingt der Druck der Märkte. Es bleibt nicht viel Zeit. Eine Art Europäischer Währungsfonds wäre hingegen ein Wurf, bei dem auch die europäischen Verträge geändert werden müssten. Hier sind tiefgreifende Diskussionen nötig. Dabei kann nichts übers Knie gebrochen werden.

Was kommt in der Zeit nach dem Rettungsschirm? Disziplin oder laxe Schuldenkultur?

Die Debatte muss politisch geführt werden. Es gibt keine Lösung auf dem kleinen Dienstweg mit Hilfe der EU-Kommission. Allerdings habe ich Zweifel, dass es dauerhaft eine Währungsunion ganz ohne Transfermechanismen geben kann, wenn ein Land in Schwierigkeiten gerät. Aber natürlich sollten diese so klein wie möglich gehalten werden, indem Fehlentwicklungen rechtzeitig korrigiert werden - und über all das muss mit der deutschen Bevölkerung offen gesprochen werden. Klar ist, die Konsolidierung der Ausgaben in Ländern wie Griechenland ist zwar unabdingbar. Das reicht jedoch nicht. Mindestens ebenso wichtig ist es, ein dauerhaft tragfähiges Wachstumsmodell zu schaffen. Nur so fließen genug Steuern, um die Staaten zu finanzieren.

Wie wollen Sie die Deutschen überzeugen, mehr Geld für Europa zu bezahlen?

Das ist keineswegs zwangsläufig so. Wir müssen aber die Deutschen nachdrücklich darauf aufmerksam machen, wie groß - neben den politischen - auch die unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteile der Währungsunion für uns sind. Es geht ja nicht darum, so etwas ähnliches wie den deutschen Länderfinanzausgleich in Europa aufzubauen. Im Notfall aber muss man in einer Währungsunion füreinander einstehen.

Seite 1:

„Im Notfall muss man füreinander einstehen“

Seite 2:

Kommentare zu " Osteuropabank-Chef Mirow: „Im Notfall muss man füreinander einstehen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Es ist einfach eine große Lüge zu behaupten, die Deutschen hätten Vorteile von der Währungsunion. Das Gegenteil ist richtig. Allerdings wird uns immer beschwichtigend erzählt, welche Vorteile wir genießen - es merkt nur niemand. Während in irland der Lebensstandard deutlich größer ist als in Deutschland, die Griechen in einem Alter in Rente gehen das uns ungläubig staunen lässt, müssen die Deutschen bezahlen. Hier fehlt endlich der Volksentscheid. Und von den hiesigen Medien erwarte ich deutlich mehr Kritik an unseren Politikern - auf wessen Seite sind Sie eigentlich, liebe Handelsblatt-Redaktion? Kritischer Journalismus sieht weiß Gott anders aus. berichten Sie doch bitte mal über die Analyse des Hans-Werner Sinn vom iFO-institut. Da werden einigen die Augen aufgehen.
    Frau Merkel beschwert sich darüber, dass die Deutschen den Verlautbarungen der Regierungspropaganda nicht mehr trauen und auf alternative Quellen - wie blogs im internet - aufmerksam werden. Wenn ich nur die Prognosen in den blogs der letzten Monate nehme und beobachte, was passiert, dann muß ich zwingend zu der Annahme kommen, dass dort viel besser informiert wird. Denn die dort geäußerten Einschätzungen zur Entwicklung in der Eurozone schon zu Jahresbeginn waren alle treffsicher.
    Eins wird dort auch beschrieben: Dass über die derzeit eingeschlagene Politik der Staatsbankrott Deutschlands eingeleitet ist. Warum informiert darüber niemand? Warum wird das noch nicht mal disktutiert sondern der Mantel des Verweigens und Täuschens gelegt? Das aktuelle interview mit Herrn Schäuble in der FAZ, in dem er keine Fragen beantwortete, spricht bände.
    ich bin mir allerdings sicher, dass es bald Parteien geben wird, die an Konzepten arbeiten, die Fehlentwicklungen in der EU und des Euro zu korrigieren. Das bedeutet, dass der Euro in der derzeitigen Form nicht haltbar ist. ich bin jetzt schon gespannt, was in 10 Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%