Ostukraine
Der eingefrorene Krieg

Europas schlimmster Konflikt droht in Vergessenheit zu geraten. Im Osten der Ukraine wird weiter gekämpft – trotz Waffenstillstand. Die größte Sorge von Vermittlerin Angela Merkel scheint sich zu bewahrheiten.

Donezk Bei Tauwetter kämpft es sich schlecht. In tiefem Schlamm halten ukrainische Soldaten ihre Stellung am zerstörten Flughafen von Donezk. Sie haben sich auf dem sogenannten Ameisenhügel verschanzt, einem 15 Meter hohen Erdwall. Das warme Wetter der ersten Februartage macht einen Dreckhaufen daraus, Stiefel rutschen auf Eis und Matsch. Unten in den Bunkern regieren die Mäuse. „Wir schlafen in Sturmhauben, damit die Mäuse uns nicht beißen“, sagt Nikolai, ein Freiwilliger aus Uschhorod in der Westukraine. Die Viecher fressen, was ihnen vor die Zähne kommt. „Hier, selbst an meinem Funkgerät sind die Tasten angenagt.“

An diesem Morgen schieben eine Schulbibliothekarin, ein Möbelhändler, ein Musikstudent und ein Barmann Wache für die Ukraine. Sie spähen mit einem Periskop aus ihrer Deckung. 400 Meter entfernt jenseits der Landebahn haben sich die prorussischen Separatisten eingegraben. „Separy“ sagen die Ukrainer abfällig. „Ukropy“ schimpfen die Separatisten im Schützengraben der anderen.

An kaum einer Stelle im Kriegsgebiet Ostukraine stehen sich beide Seiten so dicht gegenüber, es ist Europas schlimmster Krisenherd. Nirgendwo wird so viel geschossen wie an diesem Flughafen, meist nachts - zur Abwehr, zur Provokation, vielleicht auch aus Angst. Die Freiwilligen hieven schwere Kisten mit Munition über eine steile Treppe nach oben. Dabei herrscht offiziell Waffenruhe, es gelten die ein Jahr alten Minsker Vereinbarungen für eine Friedensregelung.

Aus dem nahen Dorf Pisky sind auch tagsüber Maschinengewehrsalven zu hören. Es ist unklar, wer schießt. Pisky war einmal ein Nobelvorort der Millionenstadt Donezk mit reichen Villen. Nun rüttelt der Wind an geborstenen Blechdächern, ein gespenstischer Klang.

Der Barmann Nikolai kämpft seit einem halben Jahr gegen die von Russland unterstützten Separatisten. „Das ist unser Land“, sagt er. „Wenn die Russen abziehen, dann räumen wir hier schnell auf.“ Die Bibliothekarin Julia ist seit einem Jahr an der Front, ebenso der Musikstudent Wassili, Tarnname „Skripka“ (Geige). Sie gehören zum Freiwilligenbataillon „Karpatska Sitsch“, benannt nach den Karpaten im Westen des Landes. Mittlerweile untersteht das Bataillon der 93. Brigade der ukrainischen Armee. Deren reguläre Einheiten mit schweren Waffen liegen weit hinter der Front.

„Ich bin hier, weil ich möchte, dass die Ukraine enger an Europa rückt“, sagt Taras, Deckname „Riks“, Möbelhändler aus Dnipropetrowsk. Wie seine Kameraden auf dem Ameisenhügel hofft er auf den Befehl zum Angriff, auf einen Sieg über die Separatisten. „Entweder wir gehen das bis zum Ende, oder der Konflikt friert hier auf Jahrzehnte ein.“

Die Gefahr eines Dauerkonflikts ist groß. Und doch dürfte es besser sein, wenn der Befehl aus Kiew zum Generalangriff ausbleibt. Der Krieg währt fast zwei Jahre. Im Frühjahr 2014 erklärten Separatisten die Abspaltung des Ostens von der Ukraine, riefen die Volksrepubliken Donezk und Luhansk aus, bekamen verdeckt Waffen und Soldaten aus Russland. Seitdem sind 9000 Menschen getötet worden. Moskau hat immer militärisch nachgelegt, sowie die Ukrainer die Oberhand bekamen.

Die Minsker Vereinbarungen vom Februar 2015 haben das schlimmste Blutvergießen gestoppt. Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande hatten damals vermittelt. Doch Frieden bringt das Abkommen nicht, weil die Gewalt nicht völlig aufhört.

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