Ostukraine
„Es ist totales Chaos, es ist Krieg“

Artilleriefeuer, Rauch und immer wieder knattert Maschinengewehrfeuer: In der Ostukraine wird das Leben zur „Hölle“. An einer Kontrollstelle der Armee sammeln sich Familien auf der Flucht vor der Gewalt.
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Luhansk/bei SlawjanskRebellenchef Wasili Nikitin deutet auf die im Park in Luhansk verstreuten Metallsplitter. Er und andere hätten sie im Gras hinter einem blutverschmierten Auto gefunden. Sie seien der Beweis dafür, dass die ukrainische Armee Streubomben einsetze, sagt Nikitin, der eine kugelsichere Weste trägt und sich Ministerpräsident der selbsterklärten Volksrepublik Luhansk nennt. Die Splitter hätten alles und jeden durchschlagen. Nach Rebellenangaben wurden acht Menschen getötet. Das Provinzkrankenhaus berichtet von acht bis zehn Menschen, die von Bombensplittern verletzt wurden.

Die Führung in Kiew macht Rebellen für die Explosion verantwortlich. Diese hätten eine infrarotgesteuerte Rakete auf ein ukrainisches Flugzeug abfeuert. Die Rakete sei dann aber in einem Gebäude der von Separatisten besetzten Regionalverwaltung eingeschlagen. Experten der rebellentreuen Regionalpolizei zufolge handelt es sich um eine Streubombe vom Typ S-8KO von 1986 aus Sowjetzeiten.

Etwas entfernt vom Stadtzentrum, in der Gemeinde Mimi, wagen sich die Einwohner nach 16-stündigem Feuergefecht zwischen Separatisten und Grenzsoldaten wieder aus ihren Wohnungen. Die Rebellen hatten mehrere um das Gebäude der Grenzschützer gelegene zehnstöckige Wohnhäuser gestürmt. Sie warfen Granaten auf die Soldaten und beschossen sie mit Maschinengewehren. Die Mutter eines Grenzers berichtet, ihr Sohn habe das Feuer als höllisch beschrieben, sich aber geweigert zurückzuschießen. „Keiner weiß genau, wo sie sind, ihre Befehlshaber sagen aber, dass sie sich nicht ergeben“, sagt die 54-jährige Soya. Fünf eigene Kämpfer wurden den Rebellen zufolge getötet, über Opfer aufseiten der Grenztruppen ist nichts bekannt.

Westlich von Luhansk, am Stadtrand von Slawjansk, ist schweres Artilleriefeuer zu hören, Rauch steigt über den Vororten auf, immer wieder knattert Maschinengewehrfeuer aus den umliegenden Feldern. An einer Kontrollstelle der Armee sammeln sich Familien auf der Flucht vor der Gewalt. „Es ist totales Chaos, es ist Krieg“, sagt eine junge Frau, Marina, und klammert sich an den Arm ihres Mannes. Der 37-jährige Andrei Bander wartet mit seiner vierjährigen Tochter auf dem Arm auf ein Taxi. Er rechnet nicht mit einer baldigen Rückkehr. „Wir haben nur das Nötigste mitgenommen (...) Wir gehen nach Russland, weil klar ist, dass wir die Ukraine verlassen müssen.“

Slawjansk hat zwar nur 130.000 Einwohner, doch mit ihrer zentralen Lage mitten in der Donbass-Region ist die Stadt von großer strategischer Bedeutung. Das Wasser sei abgestellt worden, berichten die Flüchtlinge. Während vor allem Frauen und Kinder aus der Stadt fliehen, warten einige Männer in ihren Autos, um nach Slawjansk zurückzufahren. Sie werden von den ukrainischen Kräften daran gehindert. "Meine Frau und meine zwei kleinen Kinder sind noch dort, aber ich komme nicht zu ihnen", klagt ein 31-jähriger Mann, der sich Sascha nennt. Die Soldaten feuern Warnschüsse in die Luft als sich ein Fahrzeug nähert.

Nur einen Kilometer weiter haben Rebellen einen Kontrollpunkt errichtet. Auf einem Banner ist zu lesen: „Wer die Befehle der Junta erfüllt, ist ein Faschist.“ Ein junger Mann in Tarnanzug fragt: „Wann wird uns (Russlands Präsident Wladimir) Putin helfen?“ Ein anderer Kämpfer sagt: „Das ist unser Land. Wir werden hier bleiben - bis zuletzt“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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