Outsourcingprogramm mit Folgen
Streiks legen britisches Gesundheitssystem lahm

Mit einem 24-stündigen Streik wollen die Logistikdienste des staatlichen nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) heute gegen ihre Übernahme durch die Posttochter DHL protestieren. Ein zweiter Streik ist für kommende Woche geplant, wenn in Manchester der Labourparteitag stattfindet. Damit soll die Gesundheitspolitik zum Streitthema des Parteitags werden.

LONDON. DHL und sein amerikanischer Partnerkonzern Novation übernehmen am 1. Oktober die bisher als unabhängiges Kostenzentrum operierende „NHS Logistics“, die rund 600 Krankenhäuser mit medizinischen und anderen Gebrauchsgütern versorgt. DHL Logistics soll über die Vertragsdauer von zehn Jahren den NHS-Wareneinkauf im Wert von 22 Mrd. Pfund abwickeln. Ziel sei, „die Effizienz des NHS zu steigern und damit allen zu nützen“, sagte der Geschäftsführer von DHL Exel Supply Chain, John Pattullo. Doch Karen Jennings, Gesundheitsbeauftragte der Gewerkschaft Unison, sieht „keine logische Erklärung“ für den Schritt. Die Mitarbeiter hätten NHS Logistik zu einem hochgelobten Bestandteil des NHS aufgebaut.

Die ersten landesweiten Arbeitsniederlegungen im NHS seit 20 Jahren sind nur die Spitze des wachsenden Konflikts zwischen der Labourpartei und den Beschäftigten im NHS, die fünf Prozent aller Erwerbstätigen im Land stellen. Ärzte haben mit einer Kampagne gegen die Schließung von Bezirkskrankenhäusern begonnen. Der Arzt Barry Monk aus Bedford hat Kollegen aufgerufen, aus Protest gegen Krankenhausschließungen fürs Parlament zu kandidieren. Mit dieser Methode hatte ein Arzt 2001 erfolgreich die Schließung des Krankenhauses von Kidderminster verhindert und Labour einen Unterhaussitz weggenommen.

Doch die Regierung steht unter Druck, weil bisherige NHS-Reformen nicht gegriffen haben. Der Gesamthaushalt des Gesundheitswesens hat sich von 31 Mrd. Pfund 1997 auf 81 Mrd. Pfund im laufenden Finanzjahr erhöht, doch das Geld verfehlte die Wirkung, wie Gesundheitsministerin Patricia Hewitt am Dienstag zugab: „Trotz allem Extrageld, trotz Extra-Personal, obwohl mehr Patienten behandelt wurden, hat sich die Produktivität im NHS kaum verändert.“ Der NHS sei „ein System der 1940er-Jahre im 21. Jahrhundert“ und brauche „dramatisch mehr Effizienz“.

Eine Flut von Berichten stellt Labours Gesundheitspolitik verheerende Zeugnisse aus. Nicht die Höhe des Haushalts, sondern wie das Geld ausgegeben werde, sei entscheidend, resümiert die konservative Denkfabrik Civitas. Der NHS müsse Patienten mehr Mitsprache geben, forderte der Think Tank „Reform“. Eine stärkere Einbeziehung des Privatsektors sei unerlässlich.

Premier Tony Blair drängt seit langem auf ein konsumentenfreundlicheres System. Doch Labouranhänger, Beschäftigte im NHS und Patientenverbände protestieren immer lautstarker gegen Krankenhausschließungen, Outsourcing und die, laut der Krankenschwestergewerkschaft, „überstürzten Reformen“.

Strukturänderungen im NHS sind für viele Briten ein Tabu. Trotz der offenkundigen Probleme des Staatsmolochs sind sie stolz auf ihre kostenfreie, universale Gesundheitsversorgung. Nun wollen die streikenden Gewerkschaften auf dem Labourpartei einen Reformstopp durchsetzen – gegen den geschwächten Parteichef.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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