Pakistan als Sündenbock
Bombay: Lokale Täter mit Hilfe von außen

Der Reflex der Regierung war so schnell wie vorhersehbar: "Wir werden es nicht hinnehmen, wenn das Territorium unserer Nachbarn für Terrorangriffe gegen Indien benutzt wird", sagte Premier Manmohan Singh am Donnerstag. Diese Floskel ist für indische Politiker nach jedem Anschlag Routine, gemeint ist immer der alte Erzfeind Pakistan.

NEU-DELHI. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass Terrorgruppen weiter auf Hilfe von Fanatikern in Pakistan zählen können. Aber unter Diplomaten gilt es als undenkbar, dass Pakistans Regierung den verheerenden Angriff auf Bombay abgesegnet haben könnte. "Terrorismus ist eine globale Bedrohung, und unsere Länder müssen dagegen zusammenarbeiten", beteuerte der pakistanische Außenminister Mahmud Qureshi am Donnerstag während eines Besuchs in Indien.

Die nahezu unbekannte islamische Gruppe "Deccan Mudschaheddin" hatte zuvor per E-Mail die Verantwortung für die Anschläge übernommen. Sicherheitsexperten vermuten hinter den über 20 Kämpfern, die Bombay stürmten, eine Mischung aus ortskundigen Einheimischen und internationalen Helfern. Ein hoher Grad der Organisation und die Wahl der Ziele voller Ausländer legt eine Verbindung zu El Kaida nahe. Die paramilitärische Ausführung des Selbstmordkommandos erinnert an den Sturm des indischen Parlaments 2001. Dahinter steckten damals Terrorgruppen aus Pakistan, die vor allem in Kaschmir aktiv sind.

Doch bei keinem Anschlag jüngeren Datums konnte Indien eine Verbindung zu Pakistan belegen. Auch die Polizeiarbeit erweist sich als erfolglos. Bombenwellen von Bangalore über Delhi bis Jaipur, Assam und Ahmedabad forderten seit Jahresanfang fast dreihundert Todesopfer. Nur im Irak ist der Terror-Blutzoll höher. Doch den Behörden gelangen wenige Verhaftungen. Diplomaten und indische Medien fordern seit langem, das Land müsse sich der Realität hausgemachten Terrors offensiver stellen. Doch das käme einem Eingeständnis katastrophalen Versagens gleich und wäre politisch gefährlich.

Die hindunationalistische Oppositionspartei BJP wirft der regierenden Kongresspartei vor, islamischen Terror nicht beherzt zu bekämpfen, und stellt diesen Punkt ins Zentrum ihres Wahlkampfs. Beobachter gehen davon aus, dass das Blutbad der Opposition bei den im April anstehenden Parlamentswahlen Auftrieb gibt. Aus Eigennutz diskreditiert die BJP Meldungen, denen zufolge Ermittler eine Hindu-Terrorgruppe mit Verbindungen in die Armee aufgedeckt haben, als Lügen.

Dass Indiens Sicherheit von mehreren Seiten bedroht wird, unterstreichen Angriffe von Hindu-Extremisten auf Christen, die im Süden und Osten viele Tote forderten. Zudem leidet Indiens östlicher Armutsgürtel unter dem gefährlich aufflammenden Terror einer maoistischen Rebellenorganisation. "Gewalt durchdringt unser Land an allen Ecken und Enden", warnte Premier Singh vor kurzem. Eine Welle ethnischer und religiöser Unruhen gefährde die staatliche Einheit - Einmischungen aus dem Ausland sind da gar nicht mehr nötig.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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