Pakistan
Bomben statt Rosen

Präsident Pervez Musharraf gerät im Kampf gegen Taliban und El Kaida immer mehr in die Defensive. Es scheint als entgleite ihm die Kontrolle über die Ordnung in seinem Staat. Droht Pakistan bald ein islamistisches Regime wie in Iran?

ISLAMABAD. Ein umgekippter Lastkarren, das eingespannte Muli davor liegt tot auf dem Bürgersteig. Blutlachen inmitten verstreuter Polizei-Helme, Plastikschilde und Holzknüppel und dazwischen ein paar schwarze Schuhe. An der gespenstischen Szenerie vorbei schleifen vier weinende Polizisten einen verwundeten Kameraden über den Boden zu einem Krankenwagen. Ein paar Meter weiter steht eine ausgebrannte Motorrikscha, daneben Skelette angesengter Mopeds.

„Wir waren gerade mit unserem Demonstrationszug losgegangen, da zerriss eine gewaltige Explosion die Ruhe“, berichtet der Anwalt Ahsan Bhoon mit zitternder Stimme. Jeden Donnerstag ziehen pakistanische Juristen vor das Oberste Gericht in Lahore, um gegen die Absetzung von Richtern durch Präsident Pervez Musharraf zu demonstrieren. Polizisten in schwerer Montur waren vor dem Gebäude postiert, als um 11.36 Uhr die Bombe explodierte.

Nicht einmal eine Stunde später weiß Malik Iqbal schon Bescheid: „Es war ein Selbstmordattentäter“, sagt der Sprecher der Polizei von Pakistans zweitgrößter Stadt. Da sendet der landesweite Sender „Dawn“ bereits Bilder, auf denen sich Polizisten über die Reste eines roten Mopeds beugen. War der Attentäter mit diesem Gefährt in die Menge der Polizisten gerast? Stammt der daneben liegende abgerissene Kopf von ihm? Mindestens 22 Polizisten sterben, weitere 15 sowie über 50 Zivilisten werden schwer verletzt.

Nur zwei Wochen nach dem Mordanschlag auf Oppositionsführerin Benazir Bhutto, bei dem neben der Ex-Regierungschefin auch 47 ihrer Anhänger starben, zerreißt erneut ein verheerender Anschlag Pakistan. Einen Monat vor den auf den 18. Februar verschobenen Parlamentswahlen ist das Land zwischen Himalaja und Arabischem Meer zum „gefährlichsten Ort der Welt“ geworden, wie das britische Magazin „Economist“ vergangene Woche titelte.

Es scheint, als entgleite Präsident Pervez Musharraf die Kontrolle über die Ordnung in seinem Staat. Da ist der Druck der Opposition, die nun eine Untersuchung des Todes von Bhutto durch die Vereinten Nationen fordert. Da sind die Proteste der Juristen gegen seine Rechtsbeugung. Da ist der Druck der US-Regierung, mit deren Geld Musharraf gegen islamistische Terroristen im Grenzgebiet zu Afghanistan vorgehen soll – damit aber wenig Erfolg hat, wie der neuste Anschlag zeigt. Ex-General Musharraf kann die Sicherheit in Pakistan nicht mehr garantieren, seine Autorität schwindet unablässig – Eindrücke aus einem zerrissenen Land.

„Wir haben hier jeden Tag solche Anschläge“, sagt der Sicherheitsexperte Zaid Zaman Hamid. „Aber wir sind nicht – wie etwa in London – tagelang geschockt, sondern das Land steht gleich danach auf und fängt wieder an zu laufen.“ Viele Pakistanis sind abgestumpft. Die toten Polizisten von Lahore sind dem Fernsehen zwei Stunden Live-Berichterstattung wert, dann dominiert schon wieder business as usual den Bildschirm.

Tatsächlich kamen 2007 in Pakistan bei Anschlägen wie dem am Donnerstag 3 445 Menschen ums Leben, hat Pakistans Institut für Friedensstudien gezählt – bei 1 306 Terrorattacken. Allein 649 Mal wurden dabei Bomben eingesetzt, 71 davon von Selbstmordattentätern. 2006 gab es nur sieben Selbstmordanschläge. Und noch etwas zeigt die nüchterne Terrorstatistik: Immer öfter werden Sicherheitskräfte angegriffen: 466 Mitarbeiter von Armee, Polizei und Sicherheitsdiensten wurden 2007 bei Terroranschlägen getötet.

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