Pakistan
Taliban stürmt pakistanischen Stützpunkt

Ausgerüstet mit Sturmgewehren, Handgranaten und Sprengstoffwesten haben Taliban die Basis der Marineflieger in der südpakistanischen Metropole Karachi angegriffen. 15 Stunden dauert es den Stützpunkt zurück zu erobern.
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Islamabad Mindestens zehn Soldaten und drei Aufständische starben. Für das mächtige pakistanische Militär ist der Angriff drei Wochen nach der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden durch Amerikaner im eigenen Land eine erneute Demütigung. 

Erst am Freitag vorvergangener Woche hatten die pakistanischen Taliban (TTP) bei einem Anschlag auf Rekruten der paramilitärischen Grenzpolizei im Nordwesten des Landes mehr als 80 Menschen getötet. Damals wie am Montag bezeichnete TTP-Sprecher Ihsan Ihsanullah die Bluttaten als Rache für die Tötung des Al-Kaida-Chefs. Und wieder kündigte er weitere Gewalt an. Bin Ladens Tod hat die Terroristen zumindest in Pakistan nicht geschwächt. 

„Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Bin Ladens Tod irgendwelche größeren Auswirkungen auf die Fähigkeiten hat, Anschläge in der Region zu verüben“, sagte der Terrorexperte Amir Rana vom Institut für Friedensforschung in Islamabad. Bin Laden habe selbst ohnehin keine Operationen mehr geführt. In der Region habe sein Terrornetz zwar ideologische Arbeit geleistet. Zur Ausführung von Anschlägen in Pakistan sei Al-Kaida aber schon immer auf die Kämpfer der Taliban angewiesen gewesen. „Ohne sie konnten sie nichts machen.“ Und die TTP sei nach dem Tod des Al-Kaida-Chefs so stark wie zuvor.

Die Armee und ihr Geheimdienst ISI standen bereits vor dem Angriff von Karachi unter gewaltigem Druck. Anders als im Westen wird in Pakistan zwar kaum diskutiert, wie Bin Laden jahrelang unbehelligt im Land untertauchen konnte. Zur Verteidigung heißt es, dass selbst Geheimdienste wie die amerikanische CIA gelegentlich versagen, etwa vor den Anschlägen vom 11. September 2001. Ins Mark getroffen hat die Pakistaner aber, dass ihr Militär und der ISI die US-Operation auf ihrem Territorium nicht einmal bemerkten.

Für die Armee werde es nicht leicht werden, „über diesen Schock hinwegzukommen“, sagte der frühere Vize-Luftwaffenchef Shehzad Chaudhry noch am Sonntag. Wenige Stunden später erlitt das Militär schon den nächsten Schock, als die Taliban in Karachi angriffen. Die TTP verachtet das Militär als Erfüllungsgehilfen der USA. Bereits 2009 hatten Aufständische das Armee-Hauptquartier in der Garnisonsstadt Rawalpindi attackiert und das Image der stolzen Streitkräfte schwer beschädigt. Ähnlicher Schaden droht nun wieder.

„Jeder wird fragen, wie es möglich war, dass ein paar Militante in eine so schwer gesicherte Einrichtung eindringen konnten“, sagte der pensionierte General Talat Masood nach dem Angriff von Karachi. „Auf der Seite der pakistanischen Sicherheitskräfte herrscht komplette Hilflosigkeit. Die Militanten können zuschlagen, wo immer sie wollen.“ Ohne Hilfe aus dem Marine-Stützpunkt sei die komplexe Operation der Terroristen kaum möglich gewesen. „Es scheint, dass jemand von innerhalb der Basis mit ihnen kollaborierte.“

Die im Westen herrschende Sorge, die Streitkräfte der Atommacht könnten von Extremisten unterwandert werden oder es schon sein, versuchen Militär und Regierung in Pakistan immer wieder zu zerstreuen. Tiefes Misstrauen gegen das Militär und besonders den ISI herrscht aber auch bei den Nachbarländern: Dem Erzfeind Indien und dem kriegsgeplagten Afghanistan. Sie sehen sich durch den Fall Bin Laden in ihrem Verdacht bestätigt, Pakistan gewähre Terroristen Unterschlupf oder schütze sie gar.

Der afghanische Geheimdienst NDS, der dem ISI nicht freundlich gesonnen ist, streute am Montag die Meldung, nun sei auch Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar getötet worden - wieder in Pakistan. Der afghanische Sender Tolo TV meldete unter Berufung auf den NDS, Mullah Omar sei am Samstag erschossen worden, als er vom früheren ISI-Chef Hamid Gul von der südwestpakistanischen Stadt Quetta ins Stammesgebiet Nord-Waziristan gebracht werden sollte. Der ISI bestätigte das nicht. Die Taliban dementierten. Ihr Sprecher sagte, Mullah Omar führe den Kampf - und zwar von Afghanistan aus.

Hamid Gul nannte den Meldung von Tolo TV „einen Haufen Lügen“. Ziel solcher Berichte sei, ihn wegen seiner Haltung zu Bin Laden zu diffamieren. Der Ex-Geheimdienstchef hatte Bin Laden noch viele Jahre nach dem 11. September 2001 als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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