Pakistan
Wo Bin Laden die Wahl gewinnen würde

Am Samstag wählen die Pakistani einen neuen Staatspräsidenten. Doch Umfragen ergeben ein groteskes Bild: Terroristenanführer Osama bin Laden ist bei der Bevölkerung beliebter als der amtierende Staats- und Armeechef Pervez Musharraf. Beobachtungen aus einem zerrissenen Land voller Widersprüche.

ISLAMABAD. Pakistans Zukunft ist grau und matt. In einer staubigen Halle vor den Toren des 18-Millionen-Molochs Karatschi setzen drei Dutzend Karosserien Patina an. Die automobilen Rohbauten, der verkündete motorisierte Aufbruch des Landes, warten auf Farbe. Vergeblich. 610 der als „erste, in einem islamischen Land vollständig selbst entwickelten Wagen“ gefeierten Vehikel sind hier im Adam-Motorenwerk vom Band gelaufen. Dann war Schluss für den Revo. Adam-Chef Feroz Khan, vom Wirtschaftsmagazin „Blue Chip“ als einer der erfolgreichsten Unternehmer Pakistans gefeiert, sucht seit einem Jahr nach einem Kapitalgeber.

„Revo steht für Revolution“, erzählt Vorarbeiter Mansur Ahmed. „Denn es ist schon eine Revolution, in Pakistan ein eigenes Auto zu bauen.“ Noch aber ist es eher eine Illusion. In der Nebenhalle lässt Khan gerade weiße BJC-Jeeps zusammenschrauben, pakistanisch ist daran nur das Adam-Emblem auf dem Kühlergrill. Das Modell stammt aus China.

Dennoch, im Land hat sich einiges geändert. „Heute packen pakistanische Unternehmer selbst ihr Schicksal und das des Landes an und sind die Triebkräfte geworden für Pakistans Aufschwung“, meint der einflussreiche Wirtschaftsanwalt Abdul R. Sattar. Jurist zu sein ist dieser Tage in Pakistan eine besondere Herausforderung: Denn vor der für kommenden Samstag angekündigten Wiederwahl des als Präsident herrschenden Armeechefs Pervez Musharraf sind es vor allem Anwälte und Richter, die die Opposition anführen und für Demokratie streiten.

Sattar, der zu Ramadan in edlem dunkelblauem Nadelstreifen ein Iftar genanntes Abendessen nach Sonnenuntergang gibt, ist allerdings nicht auf ihrer Seite: Während seine Kollegen tagelang Musharraf in die Enge getrieben haben, als der im März mit Iftikhar Chaudhry den allzu eigenständig gewordenen Obersten Richter schassen wollte, hält Sattar zum Amtsinhaber: „Musharraf hat dem Land Stabilität und Wirtschaftswachstum gebracht. Davor herrschte Chaos und Korruption.“ Als er das sagt, fällt im Sheraton-Hotel gerade zum vierten Mal an diesem Abend der Strom aus.

Tatsächlich prangen täglich stolz auf der Titelseite des pakistanischen Wirtschaftsblatts „Financial Daily“ imposante Zahlen: Wirtschaftswachstum sieben Prozent, Gold- und Devisenreserven 16,1 Milliarden, ausländische Direktinvestitionen 8,4 Milliarden Dollar. Im Ende Juni abgelaufenen pakistanischen Geschäftsjahr sind die ökonomischen Kennziffern des 160 Millionen Einwohner zählenden Landes auf neue Rekordstände gestiegen. Und das trotz der Herrschaft eines rigide agierenden Generals und trotz der Bekanntheit seines Landes als angebliche Brutstätte des weltweiten Terrorismus.

Pakistan ist ein Land der Widersprüche. Jeder zweite Pakistani kann weder lesen noch schreiben. Aber das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt ist das höchste der drei im Zuge der Aufspaltung des indischen Subkontinents neu gegründeten ehemaligen britischen Kolonien. Die Armee hat viele Wirtschaftskonglomerate mit ihren Stiftungen fest im Griff, zugleich gibt es unter dem als Militärdiktator gescholtenen Musharraf private TV-Kanäle und eine freie Printpresse. Dennoch klagen Menschenrechtsaktivisten über Hunderte verschwundener Oppositioneller.

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