Papademos-Nachfolge
Stühlerücken bei der EZB

Das Rennen um die Nachfolge von Lucas Papademos im Amt des Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) ist eröffnet. Die Luxemburger Regierung hat den Chef der Banque Centrale du Luxembourg, Yves Mersch, für den Posten des EZB-Vize vorgeschlagen.

FRANKFURT. Premier Jean-Claude Juncker gab die Kandidatur am Wochenende im Anschluss an die Sitzung des Ministerrats bekannt. Papademos scheidet Ende Mai kommenden Jahres nach achtjähriger Amtszeit aus der EZB aus.

„Ich bin überzeugt, Herr Mersch ist ein ausgezeichneter Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit er das Amt erhält“, sagte Juncker. Mersch habe alle für diese Tätigkeit erforderlichen Eigenschaften. „Und ich bin nicht der Einzige, der diese Meinung vertritt“, fügte Juncker hinzu, der auch der Euro-Gruppe vorsitzt.

Dass Juncker Mersch so früh benennt, könnte bedeuten, dass dessen Aussichten gut sind. Es ist das erste Mal, dass Mersch für einen Posten im EZB-Direktorium kandidiert. Juncker hat immer betont, er werde seinen Gouverneur nicht „verheizen“ und ihn nur bei reellen Chancen ins Rennen schicken. Möglicherweise hat Juncker das Terrain informell schon sondiert.

Mersch (60) ist seit Gründung der luxemburgischen Zentralbank im Jahr 1998 ihr Governeur. Dem Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) gehört er seit dessen Einberufung im gleichen Jahr an. Er entscheidet dort mit über die europäische Geldpolitik. Unter den Ratsmitgliedern zählt Mersch eher zu den „Falken“, steht also tendenziell für eine striktere Zinspolitik.

Da das Amt des Vizepräsidenten voraussichtlich einem kleinen Land überlassen wird, könnten auch noch Belgien, Portugal und Irland Kandidaten ins Rennen schicken. Neben Luxemburg sind diese drei Länder noch nicht im EZB-Direktorium vertreten gewesen.

Für Belgien ist wie schon vor acht Jahren Peter Praet im Gespräch. Er gehört dem Direktorium der Zentralbank seit 2000 an und ist dort für „Internationale Kooperation“ und „Finanzstabilität“ verantwortlich. Portugal könnte gleich mit zwei Kandidaten aufwarten: dem amtierenden Gouverneur der Banco de Portugal, Vitor Constancio, und Vitor Gaspar. Constancio leitet die Zentralbank seit 2000. Gaspar war von 1998 bis 2004 Generaldirektor Research in der EZB. Seit Anfang 2007 berät er Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Einen Kandidaten für den Vizeposten könnte auch Irland stellen. Beobachter gehen aber davon aus, dass Dublin infolge der Finanzkrise andere Sorgen hat.

Wie aus Finanzkreisen verlautet, könnte die Ernennung des EZB-Vizes auch Teil eines „Dreierpacks“ werden: Dann müssten die EU-Staats- und Regierungschefs gleichzeitig auf die Nachfolge von Jean-Claude Trichet im Amt des EZB-Präsidenten und über die Nachfolge von Gertrude Tumpel-Gugerell im EZB-Direktorium befinden. Tumpel-Gugerells Amtszeit läuft im Mai, Trichets im Oktober 2011 aus.

Sollte das Bestreben sein, Tumpell-Gugerell durch eine Frau zu ersetzen, könnte sich ihre Nachfolge als schwieriger erweisen als die des Präsidenten. Kandidaten für die Trichet-Nachfolge sind der Gouverneur der Banca d'Italia, Mario Draghi, und Bundesbankpräsident Axel Weber. Frauen sind in den Entscheidungsgremien der Notenbanken nur in den Niederlanden und Finnland vertreten. Beide Länder waren aber schon im EZB-Direktorium.

Bliebe noch die zweite Ebene. Mitglied des Executive Committees der Banque de France ist Danièle Nouy, die Generalsekretärin der Commission Bancaire. Oder die Staatschefs springen über ihren Schatten und holen die langjährige Vizegouverneurin der slowakischen Zentralbank, Elena Kohútiková, zurück. Sie gilt als sehr gute Notenbankerin, arbeitet aber jetzt in der Privatwirtschaft.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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