Papst-Besuch in den USA
Wie Moral und Kapitalismus zusammenpassen

Der Papst reist nach New York, um vor der Uno zu sprechen. Damit begibt sich der Pontifex in die Welthauptstadt eines Wirtschaftssystems, das er oft kritisiert hat. Seine Botschaft ist einfach, aber schwer umzusetzen.

New YorkDer Papst ist in New York der Super-Star. Unter den Beschäftigten der Uno wurde verlost, wer ihn am Freitag bei seiner großen Rede vor den Vertretern der Völker-Familie live sehen und hören darf. Alle Veranstaltungen in der Stadt, wo er auftaucht, waren schon lange vor seiner Ankunft ausgebucht. Er genießt erhebliche Sympathien in der Bevölkerung: Viele New Yorker sind „liberal“ oder „fortschrittlich“, was auf europäische Verhältnisse als gemäßigt links oder sozialdemokratisch übersetzt werden kann. Und der Papst ist politisch ebenfalls eher links, wobei aber auch seine konservativen Vorgänger immer wieder Auswüchse des Kapitalismus kritisiert haben.

Wichtig ist aber auch ein anderer Punkt: Der Papst begibt sich mit seinem Besuch in die Welthauptstadt des Kapitalismus. Und damit stellt sich die Frage: Was hat er zu diesem Wirtschaftssystem zu sagen? In welcher Weise fordert er dessen Repräsentanten heraus, die in New York in Form von Banken, Börsen und Hedgefonds reichlich vertreten sind?

Schon im Vorfeld sind seine kritischen Aussagen zur Weltwirtschaft ausgiebig zitiert worden. Jüngst hat er in seiner Enzyklika „Laudato si (Gelobt seist Du)“ einen großen Bogen von der weltweiten Umweltzerstörung bis zur wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit geschlagen und dabei an einer Stelle von „perversen“ Handelsbeziehungen und Eigentumsverhältnissen gesprochen.

Deutliche Kritik übt er auch an der Verfallenheit des modernen Menschen an den Konsum. Und immer wieder ergreift er Partei für die Vergessenen, diejenigen, denen es schlecht geht, die keine Stimme haben. Der Tonfall des Textes erinnerte an die unter den Vorgängern von Franziskus I. ins Abseits gedrängte „Theologie der Befreiung“; deren bekanntester Vertreter, der Brasilianer Leonardo Boff, spendete sogleich Beifall.

Aber der Papst ist kein Systemveränderer. Er macht bewusst keine Vorschläge, wie die wirtschaftliche Ordnung der Welt neu zu gestalten wäre. Die Kirche lebt seit rund 2000 Jahren mit den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen. Sie hat sich immer wieder auch in Politik eingemischt, aber ihre Kernbotschaft war, über den theologischen Bereich hinaus, anderer Natur: Sie erinnert den Menschen an seine moralischen Verpflichtungen – gegenüber Gott, den anderen Menschen, und gerade seit Franz von Assisi, dem Vorbild des heutigen Papstes, auch gegenüber der Schöpfung.

Die herausfordernde Frage lautet daher: Wie lässt sich der Kapitalismus mit ethischen Grundsätzen vereinbaren? Und sie ist auch für Atheisten relevant. Sie betrifft jeden einzelnen Menschen. Man kann es sich leicht machen und sagen: Der Kapitalismus ist das einzige Wirtschaftssystem, das Wohlstand schafft. Also ist es gerechtfertigt, weil sonst viele Menschen im Elend leben müssten. Daher muss man alle seine Nachteile, etwa die mitunter große Ungleichheit, in Kauf nehmen.

Die These ist nicht ganz falsch, aber doch zu einfach. Denn sie impliziert, dass es innerhalb dieses Wirtschaftssystems keinerlei Entscheidungsfreiheit gibt, dass es abläuft wie eine profitgesteuerte Maschine, die sich ihren eigenen Betreibern unterwirft. Die umgekehrte These würde lauten, den Kapitalismus wegen seiner Ungerechtigkeit abzulehnen. Aber das wäre auch zu einfach. Denn es stimmt ja, dass es keine funktionierende Alternative gibt.

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Konservative Politiker berufen sich auf Jesus – zu unrecht

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