Paris
Im Schatten des Terrors

Vor einem Jahr töteten drei Terrorkommandos in Paris 130 Menschen. Der traurige Höhepunkt einer für Frankreich beispiellosen Anschlagsserie. Die Nacht der Gewalt prägt Gesellschaft und Politik bis heute.

Reggae und Soul dröhnen aus den Lautsprechern, die Terrasse und der Innenraum des Restaurants sind voll besetzt. Burger und Bier stehen auf den Tischen, die Gäste schreien gegen die Dezibel der Musik an: das pralle Leben. Die Wände des „La Belle Equipe“ sind frisch gestrichen und tapeziert, an einer hängen zwei Metalltafeln mit eingravierten Sinnsprüchen: „Bloß weil man nichts zu melden hat, muss man nicht die Klappe halten“ und „Nur die Liebe rächt uns für die Tiefschläge des Lebens“.

Wer es nicht weiß, käme nicht auf die Idee, dass genau hier vor einem Jahr 20 Menschen starben. Etwas mehr als eine Minute genügte drei jungen Terroristen, um 20 meist Gleichaltrige mit gezielten Schüssen aus Kalaschnikows aus dem Leben zu reißen. Eine andere Gruppe stürmte gleichzeitig in den Musikclub Bataclan, wo 90 Menschen starben. Das Le Belle Equipe hat im März dieses Jahres wieder eröffnet, das Bataclan nimmt am Samstagabend mit einem Konzert von Sting wieder den Betrieb auf. Am Sonntag wird Präsident François Hollande an allen Anschlagsorten Gedenktafeln enthüllen.

Für die allermeisten Franzosen hat die Historisierung der Anschläge begonnen, die vor einem Jahr 130 Tote gefordert und das ganze Land in Entsetzen versetzt haben. Ein routinierter Medienbetrieb trägt dazu bei. Seit einem Jahr wird praktisch ohne Unterbrechung über die Ermittlungen und neue Erkenntnisse berichtet. Vor einigen Tagen hat eine weitere Welle begonnen, laufen ausführliche Dokumentationen im TV und Internet, drucken die Magazine und Zeitungen zahllose Reportagen und Analysen der Attacken.

Am Freitagmorgen saß Grégory Reibenberg, einer der Eigentümer des La Belle Equipe, im Fernsehstudio, stellte sein neues Buch vor und berichtete von der Nacht, in der Djamila, die Mutter seiner Tochter, in seinen Armen starb. Grégory wollte eigentlich zu Hause bleiben, aber Hodda Saadi, aus Tunesien stammend und Teil des Teams von La Belle Equipe, feierte mit ihren Geschwistern ihren 35. Geburtstag und bat Grégory, dazu zu kommen. Ein Jude, eine Muslima, Christen – wie ganz Paris war und ist das Café-Restaurant ein Symbol für das, was die Totalitären hassen, was sie versuchten und versuchen, in Paris auszulöschen, von den Nazis bis zu den islamistischen Terroristen: das friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen.

„Als geschossen wurde, habe ich nur daran gedacht, irgendwie meine Haut zu retten, ich hatte Angst, sie kämen ins Restaurant rein und würden alle erschießen.“ sagte Grégory am Freitag. Hodda starb sofort durch einen Kopfschuss, ihre Schwester Halima wurde schwer verletzt. Ihre beiden Brüder versuchten, sie zu retten, doch sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Djamila, Grégorys Ex-Frau und die Mutter seiner Tochter, lebte nach schweren Schussverletzungen nur noch wenige Minuten.

Grégory hat „keinerlei Hass“, wie er sagt. Die polizeilichen Untersuchungen verfolge er nicht, er wolle nur nach vorne schauen. Zwei Dinge interessieren ihn: „Wie gelingt es den Planern von Anschlägen, anderen in den Kopf zu setzen, sie würden die Welt verbessern, indem sie Unbeteiligte und sich selber umbringen?“ Und außerdem: „Was tun wir dafür, damit sich das nicht wiederholt?“ Grégory hat sich Formeln zurecht gelegt, die ihm helfen: „Man kann auch mit Narben im Gesicht lächeln.“

Im La Belle Equipe gibt es am Sonntag keine Feier. „Wir schließen, das ist das beste“, sagt eine junge amerikanische Bedienung, die vergangenes Jahr noch nicht dabei war. Die Gäste von früher kämen wieder ins Restaurant, „jedenfalls die meisten, jeder verarbeitet das auf seine Art, nicht alle kommen darüber hinweg.“ Im Gastraum hebt niemand den Kopf, wenn draußen ein Polizeiwagen mit Sirene vorbeifährt. Wo sich vor einem Jahr die Blumen und Gedenkkarten drei Meter tief staffelten, erinnert heute nichts mehr an die Blutnacht. Hat die Normalität gesiegt?

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