Paris nach den Anschlägen
Der Krieg hat die Franzosen eingeholt

Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ lebten die Pariser in der Illusion, zur Normalität zurückkehren zu können. Doch nach dieser Nacht des Grauens ist alles anders. Ein Rundgang durch Paris im Zeichen des Terrors.

ParisAm Morgen nach den blutigen Anschlägen ist Paris nicht mehr wederzuerkennen. Frankreichs Kapitale wirkt fast wie eine Geisterstadt. Auf den Straßen trifft man nur vereinzelte Fußgänger. Nichts ist zu sehen von dem für einen Samstag üblichen Autoverkehr. Sogar auf der Rue de Rivoli, wo man normalerweise im Dauerstau steht, fließt der Verkehr wie sonst nur in der Nacht. Paris sei im Schockzustand, sagten viele Nicht-Franzosen nach den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Januar – und es traf die Stimmung nicht: Tausende eilten spontan auf die Straßen um ihre Solidarität mit den angegriffenen Journalisten auszudrücken.

An diesem Samstag aber ist die Stadt wirklich wie unter Schock, oder betäubt. Alle Kaufhäuser sind geschlossen, viele andere Geschäfte und Cafés auch, ebenso die Museen und sonstigen touristischen Einrichtungen. Die sonst so quirlige, übervolle Metropole des Welttourismus atmet nur noch ganz flach. Die Sicherheitsbehörden wissen nicht, ob und wie viele mögliche Täter noch auf freiem Fuß sind, ob es weitere Anschläge geben kann.

Ein Taxifahrer berichtet, er sei seit der Nacht im Einsatz. Weil er in der Nähe der Attentatsorte im elften Arrondissement war, fuhr er sofort hin, als er über Radio die Aufforderung hörte, alle Taxis und Autofahrer sollten bei der Evakuierung helfen. „Keiner verstand, was geschah, die Menschen waren in Panik, sogar die Polizisten, die zückten ihre Pistolen und zielten auf x-beliebige Menschen.“ Er sei völlig erschüttert, sagt der Taximann, der seit 18 Jahren durch Paris fährt. „Es ist völlig anders als nach Charlie, das ist mehr als Angst, die Menschen sind aus dem Gleichgewicht gebracht, ich selber verstehe immer noch nicht, was passiert ist“, sagt er und bittet um Entschuldigung.

An der Gare de Lyon zeigt sich ein anderes Bild: Viele Menschen, eine lange Schlange vor den Fahrkartenschaltern. Viele Pariser scheinen die Stadt verlassen zu wollen. Von den Sicherheitskräften sieht man hier nicht mehr als vor dem Blutbad.

Nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt vom 7. und 9. Januar gab es dieses so unglaublich beeindruckende, spontane, später dann von Parteien unterstützte Aufbäumen der Franzosen gegen den Versuch, sie mit Gewalt mundtot zu machen, und auch gegen jeden Ansatz, die Attentate für eine plumpe Islamfeindlichkeit zu instrumentalisieren. Doch man lebte in der Illusion, wieder in die Normalität zurückkehren zu können.

Nach dieser Nacht des Grauens ist es ganz anders. Den Menschen wird klar, dass der Krieg sie eingeholt hat. Die mit Terror gegen die Zivilbevölkerung und Selbstmordanschlägen geführte Auseinandersetzung der Dschihadisten mit allen Andersdenkenden wird nicht mehr nur im mittleren Osten ausgetragen. Die Franzosen machen sich keine Illusionen mehr, auch nicht über die Möglichkeiten, der Polizei und Armee, sie zu schützen: „Die können nicht überall gleichzeitig sein, sie waren schon vor dieser Nacht überfordert, es gibt keinen Schutz“, sagt ein Mitarbeiter der Bahngesellschaft SNCF. Er sagt es ganz ruhig und ohne vorwurfsvollen Unterton.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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