Pariser Reaktionen auf Terroranschläge
Reden, um zu verstehen

Nach den Anschlägen versucht Paris vergeblich, zur Normalität zurückzukehren. Zu brutal waren die Anschläge. Einzig die Sprachlosigkeit weicht dem Bedürfnis, über die schrecklichen Bilder von Freitagnacht zu reden.
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ParisAutoschlangen drücken sich an Trauernden vorbei, Passanten hasten durch die Umherstehenden. Eine Pendler biegt auf seinem Fahrrad um die Ecke, am Korb vor ihm flattert eine Trikolore. Die Stimmung hat sich geändert, hier in Paris. Die ersten beiden Tage stand Paris unter Schock, die Menschen standen still vor den Tatorten, blickten mit Tränen in den Augen auf die Einschusslöcher und Blutspritzer und wendeten sich schluchzend ab. Zwar ist die Metropole noch immer fassungslos, aber die Sprachlosigkeit weicht mehr und mehr dem Bedürfnis über das Unfassbare zu reden.

Die Polizei hat die Rue Alibert und die Rue Bichat wieder freigegeben – die Straßen, an deren Kreuzung sich das Bistro Carillon und das Restaurant „Le Petit Cambode“ befinden. Dort begann das zweite der drei Mordkommandos am Freitagabend seinen Terrorzug im zehnten und elften Arrondissement der französischen Hauptstadt. Die beiden Restaurants sind noch immer geschlossen, das Blumenmeer ist weiter angewachsen, nur viele Teelichte hat der Wind über Nacht ausgeblasen. Nur die Kerzen in den Marmeladengläsern brennen noch.

Vor dem Café „Bonne Bière“ steht Olivier Gilbert. Er redet mit zwei Bekannten, immer wieder deutet er auf die zersplitterten Scheiben und die Trauerplakate an der Fassade des kleinen Restaurants an der Rue de la Fontaine Au Roi. „Ich bin traurig und dann wieder wütend, ich kann es nicht fassen“, sagt der 46-Jährige. Er lebt nur wenige Häuser weiter.

Am Tag vor dem Attentat hat Gilbert mit Freuden in dem Café gesessen. „Es gehört zu meinem Zuhause, ich trinke hier Wein, küsse hier meine Freundin und sitze mit meiner Tochter zusammen“, sagt er. Aber es gehe gar nicht so sehr um ihn oder um die Frage, ob das „Bonne Bière“ seine Zuhause sei. Die Attentate habe alle Menschen getroffen, alle die frei leben wollen. Nur die Nähe des Einzelnen zu den Stätten des Horrors unterscheide sich. „Und hier in dieser Straße leben eben die Menschen, zu denen der Horror nach Hause gekommen ist.“

Der Ort, an dem der am Wochenende identifizierte Ismaiël Omar Mostefaï das dritte Mordkommando anführte und ein Blutbad im Musikklub Bataclan anrichtete, ist auch Montagmorgen noch komplett abgeriegelt. Graue Plastikplanen hängen vor dem Eingang des Konzertsaals Bataclan. Der Tourbus der amerikanischen Band „Eagles of Death Metal“, die gerade auftrat, als die Terroristen in den Saal stürmten, steht noch an der Straße. Die Scheibe neben dem Sitz des Fahrers ist völlig zersplittert.

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Reden, um zu verstehen

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Ein Angriff auf das Herz Frankreichs

Kommentare zu " Pariser Reaktionen auf Terroranschläge: Reden, um zu verstehen"

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  • Sorry, Frankreich! Sorry auch, für die Deutschen, die jetzt sagen "Es waren Franzosen". Intelligente Menschen wissen natürlich, dass es keine Franzosen gewesen sein können. Höchstens welche, die sich zum Schein als Franzosen ausgegeben haben. Denn wären es richtige Franzosen gewesen (also welche, die sich mit Frankreich identifizieren) dann hätten sie wohl kaum wahllos Franzosen getötet.

  • Liebe Leser. Die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen. Beste Grüße aus der Redaktion.

  • Ja, wir müssen wieder lernen, was eine echte Bedrohung ist und was nur die Politiker bedroht

    - der Isalm züchtet Terroristen, abetr das wiegelt man herunter
    - Scientologie kennt wder Terroristmus noch die anderen Vergehen der Religions-Fanatiker.

    Vor dem Islam warnt uns keiner, aber vor Scietologie.

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