Pariser Vorstädte
Spiel mit dem Feuer

Dreimal hat der Präsident schon abgesagt. Dreimal wartete die Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois vergeblich auf Jacques Chirac – zuletzt am 13. Oktober. Die Rückzieher des Staatsoberhauptes hatten jedes Mal denselben Grund. Die Aggression in den Banlieues ist dieselbe geblieben – und die Regierung ist daran nicht ganz unschuldig.

PARIS. Der Präsident hatte Clichy-sous-Bois nicht zufällig für eine Visite ausgewählt. In dieser Trabantenstadt nordöstlich von Paris hatte vor nunmehr fast genau einem Jahr alles angefangen. Am 27. Oktober starben zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Starkstromaggregat.

Der Vorfall löste eine beispiellose Revolte an den sozialen Brennpunkten überall im Lande aus. Tausende aufgebrachte Jugendliche lieferten sich 21 Nächte lang Straßenschlachten mit der Polizei und fackelten Autos ab. Die Regierung musste schließlich zum äußersten in der Demokratie erlaubten Mittel greifen: Sie verhängte eine Ausgangssperre, um die Gewaltexzesse zu stoppen.

Chirac verschob seinen Besuch in dem Banlieue wiederholt: Die Sicherheitslage ist prekär. Chirac wollte nicht riskieren, dass brennende Autos und Steine werfende Jugendliche seinen Weg säumen.

Ein Jahr nach den Randalen geht die Angst wieder um in Frankreich. „Dieser 27. Oktober ist brandgefährlich“, urteilt die Zeitung „Le Figaro“ und zitiert aus einem beunruhigenden Bericht des Inlandsnachrichtendienstes Renseignements Generaux. Im Andenken an den Tod der beiden Jugendlichen vor einem Jahr könne „jederzeit alles wieder in die Gewalt abgleiten“, heißt es darin. Erste Warnsignale gibt es bereits: Am vergangenen Sonntag kaperten Jugendliche in der Pariser Vorstadt Grigny einen Linienbus und zündeten ihn an.

Während Deutschland angeregt über die „neue Unterschicht“ debattiert, meldet sie sich in Frankreich mit Taten zurück. Nach der Niederschlagung der Aufstände vom vergangenen November hatten die Franzosen das Problem Unterschicht Stück für Stück verdrängt und sich erst einmal in Sicherheit gewiegt. Doch die erweist sich jetzt als trügerisch. In Wahrheit hat die Gewalt in den überwiegend von farbigen Franzosen bewohnten Ghettos vor den Toren der Großstädte nie aufgehört. Bis Mitte dieses Jahres zählten die Behörden bereits 20 000 verbrannte Autos und fast 2 900 gewalttätige Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und Polizei.

Die Hauptursache für die Aggression in den Vorstädten ist dieselbe geblieben: die Arbeits- und Perspektivlosigkeit der Jugend, deren Eltern oder Großeltern aus den früheren französischen Kolonien in Afrika ins Mutterland Frankreich gekommen sind. Dabei stehen die französischen Migrantenkinder eigentlich viel besser da als ihre deutschen Altersgenossen. Während der Nachwuchs der hiesigen Unterschicht mit Sprach- und Bildungsproblemen zu kämpfen hat, sind die Sprösslinge von Einwanderern in Frankreich oft erstaunlich gut für die Integration gerüstet: Die meisten besitzen von Geburt an die französische Staatsbürgerschaft, beherrschen perfekt die französische Sprache und haben in aller Regel einen Schulabschluss vorzuweisen, oft sogar das Abitur oder ein Hochschuldiplom.

Seite 1:

Spiel mit dem Feuer

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%