Parlamentswahl am Sonntag
Zerreißprobe für die Ukraine

Die Ukraine hat gewählt: Die Rechten gingen mit Parolen wie „Eine Atombombe und das Problem wäre gelöst“ auf Stimmenfang. Die Oligarchen kämpften um die Macht und der unruhige Osten wählte gar nicht erst.
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DnipropetrowskAls Svyatoslav Vakarchuk die Bühne im Fußballstadion von Saporischschja in der Ostukraine betritt, haben die rund 20.000 Fans bereits eine knappe Stunde mit der Kälte gekämpft, haben sich mit Tänzen und Gesängen warmzuhalten versucht, haben – wieder einmal – mit Gleichgesinnten die schwierige Lage des Landes diskutiert.

Vereinzelte Plakate der politischen Parteien werden hochgehalten, doch kaum jemand nimmt Notiz von ihnen. Doch dann kommt, endlich, Vakarchuk mit einer blau-gelben Flagge um den Hals, und das Stadion bebt. Der Sänger der bekanntesten und beliebtesten Rockband der Ukraine ruft kurz „Slawa Ukraina“, Ehre der Ukraine, und es gibt kein Halten mehr.

Die Band Okean Elzy ist mitten im heißen Wahlkampf auf ihrer Jubiläumstour, die sie auch in die USA, nach Kanada, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich führt. 20 Jahre Okean Elzy will gefeiert werden, trotz Krieg, trotz Korruption, trotz Chaos.

An diesem Donnerstag im Oktober möchten die Fans das alles für knapp zwei Stunden vergessen. Doch der große Star der Band, Sänger Vakarchuk, gibt sich alle Mühe gibt, sie immer wieder daran zu erinnern. „Nur als geeinte Ukraine können wir es schaffen“, ruft er unter dem begeisterten Jubel der Massen.

Der Zustimmung der Fans kann er sich sicher sein. Denn Okean Elzy hat schon von Beginn der Ukraine-Krise im vergangenen Winter an deutlich gemacht, wo die Band steht. Auf dem Maidan haben sie bei minus 20 Grad gespielt, haben bei ihren unzähligen Auftritten immer wieder betont, wie wichtig gerade in der jetzigen Situation ein Zusammenhalten des Landes ist.

Dabei vermeidet die Gruppe, sich klar parteipolitisch zu positionieren. Die Einheit des Landes steht im Vordergrund. Wenn am heutigen Sonntag das krisengeschüttelte Land fast ein Jahr nach Ausbruch der Demonstrationen auf dem Maidan ein neues Parlament wählt, haben die meisten Menschen ein klares Ziel vor Augen: „Wir wollen wieder Frieden und ein normales Leben“, sagt Verkäuferin Irina stellvertretend für die ganz große Mehrheit.

Seit den Massenprotesten, die vor fast genau einem Jahr in der Hauptstadt Kiew begannen und zunächst Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein Leben ohne Korruption und Vetternwirtschaft verbreiteten, ist die Ukraine sogar noch tiefer in die Krise, ins Chaos gerutscht.

Zwar konnte der korrupte Präsident Viktor Janukowitsch aus dem Amt getrieben werden, zwar wurde im Mai mit dem Unternehmer Petro Poroschenko ein westlich orientierter neuer Präsident gewählt, doch die Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim und vor allem die blutigen Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und der Armee in der Ostukraine haben bei vielen die Hoffnung auf ein besseres Leben zerstört.

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