Parlamentswahl in der Türkei
Kampf um Cankaya

Die türkischen Generäle sehen der Parlamentswahl am Sonntag gelassen entgegen: Sie glauben, Premier Erdogan im Griff zu haben. Aber verfolgt er wirklich eine „geheime Agenda“, die schleichende Islamisierung der Türkei, wie die mächtigen Militärs befürchten? Eine Handelsblatt-Reportage.

ANKARA. Das Allerheiligste der Türkei liegt auf dem Anit Tepe, einem Hügel im Häusermeer von Ankara. In einem monumentalen Tempelbau ruht hier Mustafa Kemal Atatürk. Eine Kamera überträgt rund um die Uhr ein Live-Bild aus der Grabkammer, unter deren Boden der Gründer der modernen Türkei beigesetzt ist. Auf einem großen Flachbildschirm im Mausoleum sehen die Besucher, wie die ferngesteuerte Kamera den marmorgetäfelten Raum unablässig abschwenkt – für den Fall, dass Atatürk auferstehen sollte?

Manchen wäre das ganz recht. Vor allem jetzt, wenige Tage vor der türkischen Parlamentswahl. Die Schwestern Hatice und Ayse haben die weite Reise aus dem südtürkischen Mersin gemacht, um mit ihren elfjährigen Töchtern das Atatürk-Mausoleum zu besuchen und dem „Vater der Türken“ ihre Reverenz zu erweisen. „Wir sind Atatürk dankbar für alles, was er getan hat“, sagt Ayse. „Es wäre gut, wenn es heute einen wie ihn gäbe“, meint Hatice, „sonst müssen womöglich unsere Töchter eines Tages das Kopftuch tragen wie im Iran.“

Die junge Frau wirft einen vielsagenden Blick nach Südosten. Dort ragt im Dunst des heißen Julimorgens die Anhöhe von Cankaya auf, der Amtssitz des türkischen Staatspräsidenten. Noch residiert hier Ahmet Necdet Sezer, ein Kemalist alter Schule und unerschütterlicher Verfechter der Trennung von Staat und Religion. Aber im April griff die islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) nach dem Amt, das Atatürk von 1923 bis 1938 innehatte. Ministerpräsident Tayyip Erdogan nominierte seinen engen Vertrauten, Außenminister Abdullah Gül, für die Nachfolge Sezers – und provozierte damit einen schweren Konflikt mit der kemalistischen Elite und den mächtigen Militärs, die sich als Wächter der säkularen Ordnung sehen. Sie misstrauen Erdogan wegen dessen Vergangenheit als islamischer Fundamentalist.

Der Premier selbst gibt sich zwar geläutert, aber die Nominierung Güls galt den Generälen als ein weiterer Beweis dafür, dass er eine „geheime Agenda“ verfolgt: die schleichende Islamisierung der Türkei. Gül kommt – wie Erdogan – aus dem politischen Islam. Seine Frau Hayrünissa trägt den „Türban“, das islamische Kopftuch, und knöchellange Gewänder. Nicht zuletzt daran entzündete sich eine Krise, auf deren Höhepunkt der türkische Generalstab Ende April in einer ins Internet gestellten Erklärung seine „tiefe Besorgnis“ äußerte und seine Entschlossenheit zur Verteidigung der weltlichen Staatsordnung bekräftigte.

Viele sahen das als Putschdrohung. Güls Wahl scheiterte schließlich an einem Boykott der Opposition. Jetzt sollen die Neuwahlen zur Nationalversammlung am Sonntag das Land aus der Krise führen.

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