Parlamentswahl
Indien: Wettlauf um den billigsten Reis

Bei Indiens Parlamentswahlen führen die Populisten das Wort. Die Wirtschaftskrise klammern sie aus. Viele Bürger sind frustriert. Zu oft wurden sie von der Regierung enttäuscht. Welche Themen die Wahl in der weltgrößten Demokratie entscheiden werden.

DELHI. Seit Stunden ist in Basant Nagar im Südwesten Neu-Delhis der Strom ausgefallen – mal wieder. Das Thermometer zeigt 40 Grad. Doch der Ventilator an der Decke der garagengroßen Wohnung von Samden und Megha Rai steht still. Die acht Monate alte Tochter des jungen Paares weint, ihre Haare kleben schweißnass am Kopf. Kühlung täte Not – aber niemand weiß, wann der Strom wiederkehrt. Auch Wasser gibt es keins. Nur morgens um fünf fließt für eine halbe Stunde ein dünnes Rinnsal aus dem rostigen Hahn über der Spüle. „Ich kann die Geschichten über Indiens Aufstieg nicht mehr hören“, sagt Samden, der als Angestellter eines Reisebüros umgerechnet 220 Euro im Monat verdient. „Bei uns ist davon nichts angekommen.“

Heute beginnen in Indien die Parlamentswahlen (siehe „Logistikwunder“). Und Samden würde am liebsten all den Politikern, die nur große Worte machen, einen Denkzettel verpassen. Der regierenden Kongresspartei zum Beispiel, die sich selbst für fünf Jahre fulminanten Wirtschaftswachstums lobt, und trotz der weltweiten Krise nicht wahrhaben will, dass auch in Indien die Party vorerst zu Ende ist. Ihr Wahlprogramm: Zweckoptimismus. Doch sie muss ankämpfen gegen eine Liste unerfüllter Versprechen, von denen die Sanierung der maroden Infrastruktur des Landes eines der wichtigsten war. Die Stromerzeugung liegt auch heute noch 16 Prozent unter dem Bedarf, selbst in der Hauptstadt Neu-Delhi bricht ständig das Netz zusammen. 2008 seien weniger als die Hälfte der geplanten neuen Kraftwerke tatsächlich in Betrieb gegangen, heißt es in einem Regierungsbericht.

Ebenso düster ist die Bilanz der ehrgeizigen Verkehrsprojekte. Die Hälfte ihrer fünfjährigen Regierungszeit hat die 13-Parteien-Koalition unter Premier Manmohan Singh mit Streitereien um die Ausschreibungsverfahren vertrödelt. Jetzt, im Abschwung, fehlt das Geld. Die Unternehmensberatung McKinsey kam unlängst zu dem Ergebnis, dass bis zu 190 Mrd. Dollar des von Singh aufgelegten Infrastrukturprogramms in Höhe von 500 Mrd. Dollar bis 2012 nicht finanziert werden können, weil private Investoren sich zurückziehen und den Staat ein atemberaubendes, elfprozentiges Haushaltsdefizit drückt. Ohne bessere Straßen, Häfen, Eisenbahnen, Strom- und Wasserversorgung aber werden weite Teile des Riesenlandes unterentwickelt bleiben – und bei der Masse der Inder kommt kein noch so berauschender Aufschwung an.

Dass Singhs Kongresspartei ihre Versäumnisse aus dem Wahlkampf ausgeklammert hat, versteht sich von selbst. Doch auch die führende Oppositionspartei BJP und ihr Spitzenkandidat Lal Krishna Advani haben sie nicht thematisiert. Stattdessen stellen beide Parteien nach bewährtem Muster Wohltaten in Aussicht, von denen schon jetzt klar ist, dass sie nicht finanzierbar sind: Strom für ein paar Rupien, Reis für noch weniger, billiges Benzin und niedrige Zinsen. Sie zielen damit nicht nur auf die einkommensschwache Unterschicht in den Städten, sondern vor allem auf die arme Landbevölkerung; diese stellt die Mehrheit in Indien und ist deshalb wahlentscheidend.

Seite 1:

Indien: Wettlauf um den billigsten Reis

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%