Parlamentswahlen in der Ukraine
Das schönere Übel

Am Sonntag wählt die Ukraine ein neues Parlament. Wieder einmal hat sich die politische Klasse des Landes so in ihren Machtspielchen und Intrigen verzettelt, dass die Politik zum Erliegen gekommen ist. Das von Korruption und Intrigen enttäuschte Volk könnte der schillernden Julia Timoschenko zum Comeback verhelfen. Eine Handelsblatt-Reportage.

KIEW. „Schande, Schande, Schande“, skandieren die Demonstranten. Sie haben blaue Plastikumhänge gegen den Nieselregen um, pfeifen und wackeln mit ihren Plakaten und Schildern, wann immer sich etwas im Hauptquartier von Julia Timoschenko in Kiews altem Zentrum regt. Es ist neun Uhr morgens, sie stehen schon eine ganze Weile in der Seitenstraße, und sie wollen offensichtlich bleiben: In ihrer Mitte haben sie kleine tarnfarbene Zelte aufgestellt.

Was sie wollen? Ein junger Mann, der mit einem Schild herumfuchtelt, ist gleich bemüht, Missverständnisse auszuräumen. Er unterstütze Timoschenko eigentlich, sagt er und reckt das Schild in die Höhe. Doch die Versammelten wollten sie warnen: dass sich die Politik nicht wieder korrumpieren lasse, von der Wirtschaft, den Businessmen, den Oligarchen.

Zumindest bis Sonntag müssen die Demonstranten noch ausharren, dann wählt die Ukraine. Nach 2004 und 2006 steht erneut ein wichtiger Urnengang an. Präsident Viktor Juschtschenko hat vorgezogene Parlamentswahlen anberaumt, um Klarheit in die verfahrene innenpolitische Lage zu bringen. Wieder einmal hat sich die politische Klasse des Landes so in ihren Machtspielchen und Intrigen verzettelt, dass die Politik zum Erliegen gekommen ist. Das Wahlvolk, noch vor drei Jahren beflügelt von der Aufbruchstimmung der sogenannten „Orangen Revolution“, ausgelöst durch Korruption und politische Händel, hat sich inzwischen angewidert abgewandt. Jetzt kämpfen die Parteien um Aufmerksamkeit, sie trommeln ihre Anhänger zusammen und schwören sie ein.

Längst geht es nicht mehr um die Frage Ost oder West, ukrainisch oder russisch, Nato oder nicht. Die Wirtschaft wächst mit acht Prozent, die Nachfrage nach ukrainischem Stahl und Rohstoffen spült Geld ins Land. Es geht um Gerechtigkeit, um Fortschritt, darum, ein Stück vom Kuchen zu bekommen und genießen zu können. Nur: Das Wunder des Wirtschaftsbooms im politischen Chaos könnte schnell erlöschen, wenn weitere Reformen ausbleiben.

Die Männer, die für den alten Konflikt standen, Viktor Juschtschenko, der Held der Revolution, und sein Gegner, Viktor Janukowitsch, den er zuletzt zum Regierungschef machte, haben sich in den Augen vieler Ukrainer abgenutzt. Der Held, weil er nicht liefern konnte, was er einst versprach, und dann auch noch ein Bündnis mit seinem Erzfeind einging. Der Regierungschef, weil er zwar gelernt hat, wie ein Demokrat aufzutreten, Reformen aber auch nicht angepackt hat. Und so kommt sie ins Spiel: Julia Timoschenko. Die blonde Schöne.

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