Parlamentswahlen in Russland
Wettlauf um Aufmerksamkeit

Die russische Opposition kämpft um Öffentlichkeit und Einigkeit: Eine Woche vor der Parlamentswahl hat die Opposition zu einer letzten Großdemonstration aufgerufen, gefolgt sind ihr 3 000 Anhänger. Doch an einem Sieg der Putin-Partei „Einiges Russland“ gibt es keine Zweifel – das Regime begegnet Widerstand mit nadelstichartigen Psychospielchen.

MOSKAU. Die breite Straße vor dem mächtigen sowjetischen Gebäuderiegel am Rande von Moskaus Zentrum ist weiträumig abgesperrt. Soldaten säumen am Samstag das Gelände, wer an der Versammlung teilnehmen will, muss Taschenkontrollen und Metalldetektoren passieren. Eine Milizionärin verteilt unter den Journalisten knallrote Joppen, so dass sie aussehen wie Fernmeldetechniker und sich deutlich von den Demonstranten abheben. Es ist kurz nach eins, und über den Platz weht ein kalter Wind, der die Fahnen der Veranstalter knattern lässt.

Eine Woche vor der Parlamentswahl, die der Putin-Partei „Einiges Russland“ wohl einen haushohen Sieg bescheren wird, hat die russische Opposition zu einer letzten Kundgebung in Moskau aufgerufen und demonstriert dabei ungewohnte Einheit: Neben den Wimpeln der Nationalbolschewisten des Eduard Limonow, die eine krude Mischung aus Hakenkreuz, Hammer und Sichel tragen, flattern erstmals die Standarten der SPS, der liberalen Partei Boris Nemzows. Die Vertreter des Bündnisses „Das andere Russland“ sind gekommen, unter ihnen der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow. Der große Platz verschluckt ihre rund 3 000 Anhänger geradezu – „Pressekonferenz unter freiem Himmel“, ätzt ein Journalist.

Dann beginnen die Reden, und plötzlich ertönt von der Großbaustelle nebenan ein Lärm wie von einer Geisterbahn. Die Lautsprecher sind gut versteckt, der Krach ist aber nicht laut genug, um wirklich zu stören, er soll wohl nur sagen: „Eure Gegner sind da.“ Unter den Versammelten macht sich müdes Gelächter breit. Wer sich hier einfindet, dem jagt ein wenig Kirmes-Sound keinen Schreck mehr ein. Wann immer die Boxen aufgedreht werden, nutzen die Redner auf der kleinen Bühne die Gelegenheit und rufen: „Seht ihr, wie viel Angst sie vor uns haben? Putin, geh nach Hause!“

Doch Euphorie will auch nicht aufkommen. Wie auch? Der Versuch, über das Bündnis „Anderes Russland“ eine Front der russischen Putin-Gegner zu zimmern, ist derzeit gescheitert – unter anderem an der Frage, wer als Präsidentschaftskandidat antreten soll: Kasparow, Ex-Ministerpräsident Michail Kasjanow oder der über 70-jährige Ex-Zentralbankchef Wiktor Geratschenko? Keiner von ihnen dürfte selbst in einem fairen Wahlkampf den Hauch einer Chance haben. Ganz zu schweigen von den letzten beiden liberalen Politikern Nemzow und Gregorij Jawlinski von „Jabloko“, die es in sieben Jahren der Opposition nicht geschafft haben, ihre Kräfte zu bündeln. Erst jetzt, eine Woche vor der Duma-Wahl, beginnen die Parteien, gemeinsam aufzutreten. „Unsere Führer haben alle starke Egos“, seufzt eine SPS-Anhängerin. Die Partei hat Nemzow für die Wahlen zum höchsten Kreml-Amt im kommenden März nominiert, man könne nun über einen gemeinsamen Kandidaten der Opposition beraten, lässt Kasjanow über seine Webseite ausrichten.

Die Stimmung schwankt zwischen Resignation, Ärger und Sarkasmus. Es sind viele ältere Leute da, die nicht zu den Gewinnern des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre gehören. Sie ärgern sich über die Korruption, die krasse soziale Ungleichheit im Land, und viele hat das Gefühl beschlichen, „dass wir das, was wir heute sehen, schon mal hatten“, erklärt eine ältere Dame. Dann sind da noch die jugendlichen Anhänger der linksradikalen Jugendgruppen mit ihren Kapuzenpullis. Einige, vor allem jüngere Redner, verhaspeln sich in komplizierten Vorträgen. Ein wenig Stimmung kommt erst auf, als SPS-Chef Nemzow den Schlachtruf der russischen Fußballer in einen Nieder-mit-Putin-Slogan ummünzt.

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