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Pascal Lamy: "Die Welthandelsrunde ist nicht tot"

Pascal Lamy ist Chef der Welthandelsrunde. Mit dem Handelsblatt sprach er über den globalen Freihandel, Exportbeschränkungen und über die Gründe, warum der Euro für Deutschland so besonders wichtig ist.

WTO-Chef Pascal Lamy. Quelle: dapd
WTO-Chef Pascal Lamy. Quelle: dapd

Handelsblatt: Herr Lamy, die WTO hat gerade die Handelspolitik der EU überprüft. Was ist Ihr Urteil?
Pascal Lamy: Alle WTO-Mitglieder müssen alle zwei Jahre zum Doktor für eine Röntgenaufnahme.
Was sagt der Doktor?
Insgesamt sieht es gut aus. Die Handelspolitik der EU ist so stabil und zuverlässig wie ein Öltanker, der seine Richtung kaum verändert.
Stimmt der Kurs?
Ja, die Richtung stimmt. Das Verhalten der EU während der Krise war okay, der Protektionismus hat nicht zugenommen. Es gibt aber einige Branchen wie die Finanzindustrie oder die Autobauer, die staatliche Hilfen bekommen haben. Diese Hilfen sollten jetzt zurückgefahren werden.
In Deutschland wird gerade darüber gestritten, wie wichtig der Euro für die Exporterfolge ist. Was meinen Sie?
Das ist keine Frage der Theorie, sondern der Erfahrung und Kultur. Seit Ludwig Erhard gehört es zur wirtschaftlichen DNA Deutschlands, dass eine starke Währung gut für das Land ist. Deutschland hat vom Euro und der europäischen Integration profitiert. Aber es war nicht der Euro allein. Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht, vor allem die frühere sozialdemokratische Regierung.
Was macht den Unterschied aus zwischen Deutschland und dem Rest Europas?
Deutschland hat einen komparativen Vorteil, der nicht nur im Preis besteht. Im Maschinenbau, Automobilbau und in der Chemie haben sich deutsche Firmen gut positioniert. Alle diese Branchen boomen durch die starke Nachfrage aus den Schwellenländern.
Die EU hat in den vergangenen Jahren viele bilaterale Handelsabkommen geschlossen. Ist das gut oder schlecht für den globalen Freihandel?
Das ist noch nicht entschieden. Am 20. Juli werden wir einen Bericht zu dieser Frage vorlegen. Tatsächlich umfassen diese bilateralen Verträge einen wesentlich kleineren Teil des Welthandels als viele Akademiker denken. Da die internationalen Zölle heute bereits relativ gering sind, sind auch die Vorteile solcher zweiseitigen Handelsabkommen geringer.
Bilaterale Handelsabkommen sind auch deshalb in Mode, weil die Doha-Runde faktisch gescheitert ist. Was können Sie bis zum Jahresende überhaupt noch erreichen?
Es gibt keinen Friedhof für internationale Verhandlungen. Solche Gespräche sterben nie. Doha ist festgefahren, aber die Welthandelsrunde ist nicht tot.
Was ist der Grund für das Koma?
Die Welt hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert. Seit der Finanzkrise spielen die Schwellenländer eine wesentlich größere Rolle in der Weltwirtschaft. Als wir 2001 mit den Doha-Gesprächen begannen, dominierte der Westen. Heute ist China der Maßstab für die sich entwickelnden Länder. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit im Westen stark gestiegen. Das hat dort den Eindruck vermittelt, dass die Beschäftigung nur deshalb so schwach ist, weil die Schwellenländer so stark wachsen.
Gibt es da einen Zusammenhang?
Nein, das ist ein zeitlicher Zufall. Aber die öffentliche Wahrnehmung insbesondere in den USA ist eine andere. Die Arbeitslosigkeit wird China angelastet.
Wie hat das die Doha-Runde belastet?
Es gibt nicht mehr die gleiche Partnerschaft wie vor der Krise. Als wir den Doha-Prozess starteten, ging es darum, den Entwicklungsländern zu helfen. Und zwar durch eine stärkere Integration in den Welthandel. Heute stellen viele Industrieländer das infrage und wollen das Verhandlungsmandat ändern.
Inwiefern?
Es geht darum, ob Länder wie China, Indien und Brasilien noch immer als Entwicklungsländer betrachtet und behandelt werden können. Diese Debatte findet aber nicht statt.
Zurück zu unserer Frage: Was können Sie unter diesen Vorzeichen noch erreichen?
Wir versuchen gerade einen Teil aus dem Verhandlungspaket herauszulösen, um wenigstens den ärmsten Ländern zu helfen.
Das sind aber nicht 80 Prozent des Gesamtpakets, von denen Sie immer sprechen?
Nein, das ist nur ein kleiner Teil davon. Aber wir haben enorme Probleme, selbst dieses kleine Baby zur Welt zu bringen.

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  • 23.07.2011, 18:11 UhrKurt

    Wieviel bekommt er für diese Propaganda bezahlt ?

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