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Patt nach der Parlamentswahl: Meine Italiener

Europa steht Kopf, nur die Italiener schauen gelassen auf das Chaos. Tatsächlich haben sie ihr Land unregierbar gemacht und viele Fragen aufgeworfen. Aber wer hinhört, vernimmt eine klare Botschaft. Eine Spurensuche.

Katharina Kort ist Handelsblatt-Korrespondentin mit Dienstsitz in Mailand. Quelle: Sakis Lalas für Handelsblatt
Katharina Kort ist Handelsblatt-Korrespondentin mit Dienstsitz in Mailand. Quelle: Sakis Lalas für Handelsblatt

MailandMit einem komischen Gefühl bin ich heute morgen aufgewacht. Italien, mit Unterbrechungen seit mehr als 13 Jahren meine Wahlheimat, ist führungslos: Kein Papst, keine Regierung. In ganz Europa beben die Finanzmärkte, doch außerhalb der Börse ist es hier in Mailand so merkwürdig ruhig. Zeit für einen Cappucino und ein paar Gesprächen - mit "meinen" Italienern.

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Die neue Lage ist kompliziert, aber dennoch eindeutig. Wieder einmal lagen die Meinungsforscher völlig daneben. Den Erfolg von Beppe Grillo haben sie zumindest ansatzweise vorhergesehen. Die enorme Aufholjagd von Silvio Berlusconi aber nicht. Ich habe noch die Mahnung des Wahlforschers Renato Mannheimer im Ohr: „Unserer größtes Problem ist, dass sich die Menschen schämen, zu sagen, dass sie Berlusconi wählen.“ So war es wohl auch dieses Mal.

Diesmal hat Berlusconi zwar nicht gewonnen, wie vor fünf Jahren, als die Prognosen am frühen Abend schon Mitte-Links als Sieger feierten und dann doch Mitte-Rechts an die Regierung kam. Diesmal hat Italien gar keinen klaren Sieger. Und das ist vielleicht die schlimmere Variante.

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Um ein Gefühl für die Stimmung zu bekommen, gehe ich auf einen Cappuccino in die Bar um die Ecke, die von bekennenden Berlusconi- und AC Mailand-Fans geführt wird. Auf dem großen Flachbildschirm, auf dem Abends die Fußballspiele übertragen werden, lacht mir Silvio Berlusconi entgegen. Die Besitzer der Bar sind guter Stimmung, aber nicht in Siegesstimmung. Die Statistiken im Fernsehen zeigen, wie knapp ihr Star gegen seinen Widersacher Pier Luigi Bersani verloren hat. Die Menschen hier wählen Berlusconi, weil sie wegen Mario Monti mehr Steuern zahlen müssen.

Ich telefoniere mit einem Freund: er ist froh, dass er sein Geld, das er aus Sorge um Italien im Sommer 2011 ganz legal nach Deutschland gebracht hat, doch noch nicht zurückgeholt hat. Angesichts der stabileren Lage unter Monti und der niedrigen Zinsen in Deutschland, war er zwischendurch durchaus versucht gewesen, die Gelder zurückzuholen und hier zu lukrativen vier Prozent anzulegen. Jetzt lässt er sein Konto lieber dort, wo es ist. Bei Angela Merkel.

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Überhaupt, die Kanzlerin. Als Deutsche muss ich mich hier immer wieder rechtfertigen für den rigiden Sparkurs Merkels. Der ist offenbar mit verantwortlich für das starke Ergebnis von Grillo und von Berlusconi. Die beiden wollen wieder Geld ausgeben, um Wachstum zu schaffen und zur Not sogar aus dem Euro austreten.

Internationale Pressestimmen zur Wahl in Italien

Erst vor zwei Tagen sagte mir im Wahllokal ein Bekannter, ein Partner in einer Anwaltskanzlei: „Ich gehe jetzt wählen“ – wahrscheinlich Monti – „aber Du musst im September dafür sorgen, dass Merkel weg geht. Es reicht.“ Die europafreundlichen Italiener haben ihre Liebe zu Europa unter Merkel verloren.

  • 26.02.2013, 13:35 Uhraktionaer

    Wunderbar, wie herrlich die Märkte gerade wieder in die Knie gehen. Denn auch im HB konnte man doch immer weider lesen, dass mit einer baldigen Marktkorrektur zu rechnen ist.

    Dann kam der Regen der Meteoriten im Ural
    der Papast tritt ab
    Italien wählt

    Alles wunderbare Indikatoren für eine Marktkorretur und dafür dass man SHORT gehen muss.

    Danke Italien auf Euch ist immer Verlass. Die Korrektur ist da und meine Shorts laufen super gut.

  • 26.02.2013, 13:38 UhrZarakthuul

    Die Antwort der italienischen Wähler auf die gegenwärtigen Probleme ist doch klar: Wachstum geht vor Sparen! Damit stehen sie auf dem gleichen Standpunkt wie z.B. Obama und Bernanke!

  • 26.02.2013, 13:46 UhrWahrhaftigkeit

    Der Artikel ist gut. Ich finde auch, dass es mich ziehmlich wenig interessiert, ob Italien regierbar ist oder nicht. Nur möchte ich nicht mit die Last tragen, wenn Italienb gerade dabei ist, seine eigene Revolution zu veranstalten. Das finde ich zwar gut, aber bitte die Konsequenzen der Revolution selbst tragen. Im Guten wie im Schlechten.

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