Patt nach italienischer Parlamentswahl: „Ignoriert die verrückten Märkte“

Patt nach italienischer Parlamentswahl
„Ignoriert die verrückten Märkte“

Ausgerechnet Silvio Berlusconi versucht, nach der Wahl seine Landsleute zu beruhigen. Doch nicht nur die Italiener und die Märkte machen sich Sorgen, auch Europa bangt. Nur die Kanzlerin gibt sich gelassen.
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Rom/BerlinNach der Parlamentswahl ohne klaren Sieger hat der frühere Regierungschef Silvio Berlusconi für Italien eine Koalitionsregierung ins Spiel gebracht. Eine Regierungsbildung sei möglich, sagte Berlusconi, dessen Mitte-rechts-Bündnis zweitstärkste Kraft im Abgeordnetenhaus wurde, am Dienstag. Dafür müssten alle Seiten Opfer bringen.

Neuwahlen würden dagegen die Probleme nicht lösen, fügte Berlusconi hinzu. Er forderte seine Landsleute auf, die „verrückten“ Märkte zu ignorieren, die angesichts der Pattsituation in Italien am Dienstag Verluste hinnehmen mussten.

Sollte der frühere Regierungschef in einem der beiden Häuser eine Mehrheit bekommen, wäre er in der Lage, wichtige Entscheidungen der neuen Regierung zu blockieren. Für diesen Fall brachten mehrere Beobachter bereits Neuwahlen ins Gespräch.

In ganz Europa wächst die Sorge vor einer Unregierbarkeit des Krisenlandes und einem Wiederaufflammen der Euro-Staatsschuldenkrise. Doch Kanzlerin Angela Merkel gab sich gelassen. „Italien wird seinen Weg finden“, sagte Merkel am Dienstag bei einer Sitzung der Unionsfraktion im Bundestag in Berlin.

Trotz der unsicheren politischen Lage sieht die US-Ratingagentur Standard & Poor's derzeit keinen Anlass zur Änderung der Bewertung von Italiens Kreditwürdigkeit. Die Ergebnisse der Wahl hätten "keinen unmittelbaren Effekt" auf die Bonität des Landes, erklärte S&P am Dienstag. Die Ratingagentur bewertet Italiens Kreditwürdigkeit derzeit mit BBB+ mit einem langfristig negativen Ausblick.

Gleichwohl seien die politischen Entscheidungen, die von der künftigen Regierung getroffen würden, "entscheidend" für die Entwicklung der Bonitätsnote Italiens, fügte S&P in der Erklärung hinzu. Es bestehe das "Risiko", dass die Regierung fortan keine ausreichende Mehrheit habe, um die nötigen Reformen für ein Wirtschaftswachstum durchzusetzen.

Präsident Giorgio Napolitano versuchte am Abend, die Sorgen der internationalen Gemeinschaft zu zerstreuen. Er sei guter Dinge und der Ansicht, die italienischen Wähler hätten eine souveräne Entscheidung getroffen. „Es sind manchmal kalte Zeiten, und für den Präsidenten eines südlichen Landes wird auch das zu meistern sein“, sagte Napolitano in München zum Auftakt eines mehrtägigen Staatsbesuchs in Deutschland. Er sei überzeugt, dass die Regierungsbildung im Interesse des Gemeinwohls gelingen werde.

Allerdings appellierte Napolitano an Berlusconis Verantwortungsbewusstsein. Sowohl er als auch Beppe Grillo, dessen Protestbewegung aus dem Stand ein Viertel der Stimmen bei der Wahl gewonnen hatte, müssten daran mitwirken, dass Italien nach der Wahl eine Regierung bekomme. Er selbst werde dem Parlament auch Reformvorschläge unterbreiten, die etwa den Arbeitsmarkt und Europa-Politik beträfen.

Kommentare zu " Patt nach italienischer Parlamentswahl: „Ignoriert die verrückten Märkte“"

Alle Kommentare
  • Nein, Börse ist nicht mehr hauptsächlich Psychologie. Das war mal. Börse ist hauptsächlich Algorythmus und nicht mehr psychologisch fassbar.
    Wer glaubt, dass er mental gegen einen Computer antreten kann, hat sowieso verloren. Deshalb ziehen sich auch immer mehr Leute von der Börse zurück und halten stattdessen grosse Cashpositionen bzw. investieren anders.

  • Ihr Kommentar ist nichts anderes als ein Plädoyer für Diktatur, weil man die Italiener vor sich selbst schützen muss.
    Dahinter steht die Angst mit in den Abgrund gezogen zu werden ohne etwas dagegen tun zu können. Hilflosigkeit also.
    Ist das die neue Definiton von Demokratie? Die Forderung nach Zwangsentmündigung erwachsener Bürger, die zum Grossteil im vollsten Besitz ihrer geistigen Kräfte sind?
    Viele Italiener machen sich keine Illusionen mehr und erwarten den Crash. Erst nach Zusammenbruch des Systems kann und wird es wieder aufwärts gehen. Das spiegelt sich im Wahlergebnis wieder.
    Es bedeutet auch, dass sie die Freiheit mehr lieben wie zB. die Deutschen, die sich lieber versklaven lassen und glauben, Ihre Blaupause wäre die beste. Doch ist dies so?

  • ich kann ur lachen,wie es NUR ein mann schafft,die EU in angst und schrecken zu versetzen.

  • Vermutlich, weil voraussichtliche Eintagsfliegen genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Wer redet denn heute noch von der Schill-Partei, die Piraten haben sich auch innerhalb kürzester Zeit zerlegt...

  • Börse ist hauptsächlich Psychologie, also nicht so wild.
    Allerdings: Vor ein paar Jahren haben die freien Märkte jeden Politiker in Italien zu Reformen gezwungen. Das war einmalig, wird sich aber wohl wiederholen...
    Das Demagogengequatsche von Berlusconi ist entweder bauernschlau gemeint oder zeigt seine blanke ökunomische Doofheit.

  • “ Ein Wahlergebnis wie das in Italien sei ein Problem, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble am Abend im ZDF „heute journal“. „Es liegt nun an den politisch Verantwortlichen in Italien, aus diesem Wahlergebnis das zu machen, was das Land braucht - nämlich eine stabile Regierung, die den erfolgreichen Kurs der Reformen fortsetzt.“

    Soll man jetzt über diese Aussage lachen oder weinen? Meinereiner tendiert instinktiv und überhaupt zu Letzterem...trotz dem ganzen E(U)ingeschwurbel.

  • Sag mir mal jemand, wie schlimm ist es eigentlich wenn die "Märkte" nervös werden, gar AKTIENKURSE (sic) nachgeben, also praktisch an Wert verlieren (!!!), der Leitrindex - ogottogottogott - 2,0 Prozent einbüßt ... ich meine, wäre es da nicht langsam angebracht, kollektiven Selbstmord ins Auge zu fassen, angesichts des nahen, drohenden Untergangs????

    Ich kann mir nicht selber helfen, ich kenne nicht mal jemanden, der Aktien besitzt und dem deswegen der Ruin ins Haus steht, weil die Italiener so un- also, so unmatktmäßig, oder wie sagt man, nicht wie sie sollten, also wieso machen sie einfach, was sie wollen, da können wir uns ja alle gleich die Kugel geben, wenn da jeder so wählen würde.

    Also das ist schon schlimm, vielleicht sollte man wirklich dieses ganze Gewähle abschaffen, ist eh nur noch so ein Relikt aus demokratischen Zeiten.

  • Warum ist eigentlich der Start einer neuen Partei von 0 auf ca. 20 % nirgendwo ein Thema ? Für mich ist das eine unbemerkte Sensation. Das sind ca. 400% einer FDP !
    Mal sehen ob sich da eine neue interessante Internet-Entwicklung abzeichnet.

  • Goldman Sachs, die Investmentbank, deren „kreativer Beitrag“ Griechenland den Eintritt in die EURO-Zone ermöglichte, verzichtete in ihrer Großzügigkeit vorübergehend auf die Dienste ihres Mitglieds „des Board of International Advisors“, Mario Monti, um seine Entsendung als Regierungschef nach Italien zu ermöglichen. Damit auch dort endlich „Gottes Werk verrichtet“ werden kann: Abbau von Sozialleistungen und Arbeitnehmerrechten sowie Rettung von Banken und Großgläubigern auf Kosten des Steuerzahlers.

    Und was passiert? Bei nächstmöglicher Gelegenheit schon zeigt der Plebs seine Undankbarkeit. Der brave Mann wird einfach abgewählt. Die Freiheit der Märkte, diese große Errungenschaft des Abendlandes, ist in Gefahr. Troika und Mutti Merkel werden Strenge zeigen müssen.

    Das Resultat der Wahl beweist eine eklatante, gefährliche, inakzeptable Fehlentwicklung. Zur Sicherheit des Landes und um die italienischen Wählern vor sich selbst zu schützen, sollte die aktuelle Regierung daher, geschäftsführend und mit Sondervollmachten ausgestattet, im Amt bleiben, bis eine Wahlrechtsreform durchgeführt ist, die derartig schädliche Wahlergebnisse zuverlässig verhindert.

  • > entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben <
    - Mal wieder ein echter Steinbrück, :-D
    Sein Problem ist allerdings, dass er nur andere als Clowns wahrnimmt.
    Und hoffentlich bleibt das sein Problem.

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