Peking erwägt Abkehr von umstrittener Ein-Kind-Politik
Zweites Kind soll China vor Vergreisung retten

Die drohende Überalterung der Bevölkerung rüttelt an einem zentralen Tabu der chinesischen Politik: Die Regierung stellt ihre umstrittene Ein-Kind-Politik offen in Frage. Eine Expertengruppe habe der kommunistischen Führung vorgeschlagen, den Familien grundsätzlich mehr als ein Kind zu erlauben, berichtet das Wall Street Journal.

wsje/law/mg PEKING. Er befürworte eine Zwei-Kind-Politik, zitiert das Blatt Yu Xuejun, Direktor der Nationalen Bevölkerungskommission. Die Aufweichung der Geburtenkontrolle dürfe aber eines nicht bewirken: das Wachstum der 1,3 Milliarden Menschen großen Nation anzufeuern.

Bislang erlaubte die Volksrepublik den Familien bis auf wenige Ausnahmen nur ein Kind. Um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, wird die Vorschrift mit harten Sanktionen durchgesetzt, von hohen Geldstrafen bis hin zu erzwungenen Abtreibungen und Sterilisationen. Hatte eine chinesische Frau in den 70er Jahren noch im Schnitt sechs Kinder sind es jetzt weniger als zwei.

Dieser Erfolg gilt in der Regierung als eine wesentliche Voraussetzung für die Verbesserung der Lebensverhältnisse und für den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte. Daher gebe es in der Regierung nach wie vor großen Widerstand gegen eine Lockerung der Familienpolitik. Eine Entscheidung sei alles andere als sicher, berichtet das Wall Street Journal.

Doch hat Peking inzwischen erkannt, dass dem Land eine massive Überalterung droht – und damit auch der Wirtschaft Gefahr. Um eine schnelle und umfassende Vergreisung zu verhindern, gibt es erste Pilotprojekte: So hat Schanghai damit begonnen, den Familien in einigen Fällen mehr Kinder zu erlauben. Wenn beide Ehepartner zum Beispiel aus Ein-Kind-Familien stammen, dürfen sie zwei Kinder haben. Mit Rückendeckung von Präsident Hu Jintao beschäftigt eine interministerielle Arbeitsgruppe inzwischen mehr als 250 Experten, um die Auswirkungen der demographischen Trends auf die Wirtschaftsentwicklung zu untersuchen.

Noch ist China eine junge Nation, doch zeigt die Statistik erste Signale einer Vergreisung. Derzeit sind elf Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre, 2040 wären es unter den Bedingungen der gegenwärtigen Familienpolitik bereits 28 Prozent. Die Folge ist auch im Westen bekannt: Immer weniger Beschäftigte finanzieren eine wachsende Zahl von Rentnern; steigende Soziallasten engen den Konsum ein und schnüren früher oder später die wirtschaftliche Dynamik ab.

Hinzu kommt, dass Chinas Männer Probleme bekommen, Partnerinnen zu finden. Die Präferenz für männliche Nachkommen führt dazu, dass weibliche Föten häufig abgetrieben werden. Nach offiziellen Angaben beträgt der Überschuss von männlichen Geburten bereits 17 Prozent, weit mehr als der internationale Durchschnitt von fünf Prozent. Präsident Hu hatte in einer Rede gewarnt, dass dieses Ungleichgewicht zu sozialen Spannungen führen könne. Dagegen wäre eine Lockerung der unmenschlichen Familienpolitik in der Bevölkerung höchst populär. Die lokalen Behörden nutzen die Strafen als Einnahmequelle, zudem ist das System korruptionsanfällig. Die neuen Vorschläge gehen weit über die alten Ausnahmeregeln hinaus und würden letztendlich zur Legalisierung von zwei Kindern je Familie führen. Der Plan sieht vor, die Lockerungen zunächst in den östlichen Provinzen einzuführen, wo die Geburtenraten am niedrigsten sind.

Wie vorsichtig selbst die liberalen Experten an das brisante Thema herangehen, zeigt ihr Zeitplan: Ab 2010 soll Frauen über 35 Jahren ein zweites Kind erlaubt werden. Mit jedem Jahr könne die Altersgrenze um ein Lebensjahr sinken – was erst in 2025 zu einer Freigabe führen würde. Von dem Recht, auch drei oder mehr Kinder auf die Welt zu bringen, ist bislang keine Rede.

Quelle: Handelsblatt

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