Peking lehnt Emissionsziele ab
China wächst auf Kosten des Klimas

Chinas Wirtschaft wächst weiter rasant – und damit der Energiehunger. Experten halten das mit Blick auf die globale Erwärmung für sehr beunruhigend. Denn China hat das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zwar unterschrieben, doch als Entwicklungsland ist die Volksrepublik nicht zur Reduktion von Treibhausgas verpflichtet. Für das Land könnte dies schon bald zum Bumerang werden.

PEKING. Mal wieder liegt ein Rußschleier über Taiyuan. Die Drei-Millionen-Stadt ist zwar für China eine eher kleine Metropole. Doch Taiyuan ist die Hauptstadt der Kohleprovinz Shaanxi. Und Chinas „Ruhrgebiet“ gehört mit rund 15 000 Minen zu den ganz großen Luftverschmutzern. Pro Jahr verpuffen hier durch brennende Kohleflöze rund 100 Mill. Tonnen Kohle – das entspricht der vierfachen Fördermenge der deutschen Steinkohle.

„Die Kohlebrände verpesten nicht nur die Umgebungsluft, sondern sie tragen durch den immensen Ausstoß von CO2 und Methan vermutlich zum Klimawandel bei“, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank. Und die Provinz Shaanxi, in der ein Drittel der chinesischen Kohlevorkommen lagert, liefert zudem den Brennstoff für Chinas Boom. Mehr als 60 Prozent der chinesischen Energie wird durch Verbrennung von Kohle erzeugt. Umweltschutz ist unüblich. Die Bankenstudie: „Höchstens fünf Prozent der Kohlekraftwerke in China sind mit Entschwefelungsanlagen ausgerüstet.“

Von den weltweit 20 Großstädten mit der schlechtesten Luftqualität liegen nach Angaben der Weltbank schon jetzt 16 im Reich der Mitte. China hat mehr als 100 Millionen-Städte, diese Zahl wird sich bald verdoppeln. Jedes Jahr sterben in China bereits rund 250 000 Menschen an den Folgen der schlechten Luft. Bislang pusten nur die USA noch mehr Treibhausgase in die Luft. Doch nach einem jüngsten Bericht der Internationalen Energiebehörde (IEA) wird China die USA als größten CO2-Verursacher noch vor 2010 ablösen – zehn Jahre früher als erwartet.

Die Wirtschaft des Landes wächst weiter rasant – und damit der Energiehunger. Experten halten das mit Blick auf die globale Erwärmung für sehr beunruhigend. Denn China hat das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zwar unterschrieben, doch als Entwicklungsland ist die Volksrepublik nicht zur Reduktion von Treibhausgas verpflichtet.

Dass ausgerechnet der größte Umweltsünder China eine Ausnahmeregelung genießt, ärgert vor allem die USA und Australien. Beide Länder hatten deswegen das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert. Die Regierung in Peking lehnt jedoch entsprechende Grenzen strikt ab. Zunächst müssten sich die westlichen Länder strengeren Emissionszielen unterwerfen, da sie hauptverantwortlich für den steigenden Ausstoß von Kohlendioxid seien.

„Wir müssen realistisch sein”, sagt Lu Xuedu, Klimaschutzexperte im chinesischen Wissenschaftsministerium. China könne nicht die gleichen Vorgaben erfüllen wie die Industrienationen. „Wir haben immer noch 50 bis 60 Millionen Menschen ohne Stromversorgung und mehrere Hundert Millionen Menschen in bitterer Armut.“

Deshalb setzt China auf Wachstum. Allein in den ersten neun Monaten 2006 lag das Wirtschaftswachstum erneut bei rund zehn Prozent. „Jedes Jahr werden in China 60 Gigawatt zusätzlich an Strom produziert“, sagt Theresa Fallon, unabhängige Energieexpertin in Peking. „Das entspricht der Gesamtkapazität von Spanien oder Großbritannien.“

Doch die globale Erwärmung wird für die Volksrepublik zum Bumerang: In weiten Teilen Nordchinas ist Wasser knapp, die Wüste bereitet sich sehr schnell aus. Chinas Temperaturen werden bis zum Ende dieses Jahrhunderts um drei bis vier Prozent steigen, sagen Experten wie Professor Lin Erda vom Agrometeorologischen Institut an der Chinesischen Akademie für Agrarstudien: „Der Klimawandel wird in den nächsten 20 bis 80 Jahren die Getreideernte in China um rund 37 Prozent reduzieren.“

Die Regierung fördert daher seit einiger Zeit massiv Erneuerbare Energien, vor allem Wind und Wasserkraft. Auch der Ausbau der Kernenergie soll die Abhängigkeit von der Kohle zurückfahren. Der jüngste Fünfjahresplan macht strenge Vorgaben: Bis 2010 soll die Wirtschaft rund ein Fünftel weniger Energie verbrauchen. Regierungsvertreter Lu: „Nicht mal hoch entwickelt Industrieländer haben sich an solche Zusagen herangewagt.“

Steigende Energiepreise, die Schließung von „Dreck-Industrien“ und schärfere Umweltauflagen sollen zudem den Ausstoß des Treibhausgases trotz des Wachstums zurückfahren, so der Kurs der Regierung. In der Kohle-Stadt Taiyuan wurde soeben die erste Methan-Tankstelle eröffnet. 1 000 Busse und 4 000 Taxis sollen hier demnächst den umweltfreundlichen Treibstoff nutzen – damit wieder die Sonne über Taiyuan scheint

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