Personenkult um Erdogan
„Ich würde sterben für ihn“

Im türkischen Fernsehen kommen vor allem Oppositionelle zu Wort, AKP-Anhänger halten sich gerne zurück. Doch nun hat sich ein Bewunderer von Erdogan geäußert – und den Präsidenten offen mit einem Diktator verglichen.

Istanbul„Ja, er ist ein Diktator. Was ist schon dabei?“ Der junge Mann macht aus seiner Unterstützung für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan keinen Hehl. Solle halt auch mal ein Diktator aus der Türkei hervorgehen. „Auch in vielen anderen Ländern wird diktatorisch geherrscht“, sagt der Mann in die Kamera.

Das Video wurde in dieser Woche von dem regierungsnahen Fernsehsender Akit TV ausgestrahlt und zeigt den Personenkult, den Erdogan in großen Teilen der türkischen Bevölkerung ausgelöst hat. Von 2002 bis 2014 war Erdogan Ministerpräsident des Landes. Im August 2014 ließ er sich zum Staatspräsidenten wählen. Es war das erste Mal, dass in der Türkei ein Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt worden ist. Seitdem will Erdogan die Verfassung ändern, um sein eigenes Amt mit mehr Befugnissen auszustatten. Bislang hat der Präsident – ähnlich wie in Deutschland – nur repräsentative Aufgaben.

Für diesen Schritt benötigt Erdogan eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Die einzige Partei, die Erdogans Pläne unterstützt, ist die AKP, die er einst mitgegründet hat. Sie erhielt bei der jüngsten Wahl im Juni nur noch gut 40 Prozent der Stimmen. Koalitionsgespräche scheiterten, deswegen kommt es am Sonntag zur Neuwahl.

Seitdem hat Erdogan von türkischen Medien viele Beinamen erhalten: Despot, Sultan und „Diktatör“ sind die häufigsten Assoziationen. Er unterdrücke die Zivilgesellschaft, kritische Medien und die Kurdenminderheit im Land, lauten die Vorwürfe. Einige sind der Meinung, er habe auch den Anschlag auf eine Friedensdemo in Ankara Anfang Oktober zu verantworten. Dabei starben durch zwei Bombenexplosionen mindestens 102 Menschen. Erdogan und die AKP bestreiten die Vorwürfe.

In der Türkei und im Ausland steht Erdogan am Pranger. Trotzdem gibt es genügend Menschen in der Türkei, die nach wie vor hinter ihm stehen. Hakan aus Istanbul etwa ist der Meinung, allen Menschen gehe es viel besser, seit er das Land führe. „Früher ging es vielen schlecht, es herrschte Korruption, Unordnung und Vetternwirtschaft“, meint er.

Der 24-Jährige hat das bekannte Istanbul Lisesi besucht – ein bekanntes Gymnasium in der Metropole, auf der Deutsch zu den ersten Fremdsprachen zählt. Jetzt arbeitet er in einem Hostel in der Altstadt, hat täglich Kontakt mit Touristen aus aller Welt und macht nicht gerade den Eindruck eines konservativ-religiösen Menschen. Abends arbeitet er regelmäßig an der Hotelbar und schenkt literweise Bier aus. Die AKP steht dem übermäßigen Verzehr von Alkohol abgeneigt gegenüber.

Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Er versteht nicht, warum Erdogan bei vielen nicht ankomme. „Klar, er hat auch schlechte Sachen gemacht. Aber unter dem Strich geht es uns viel besser.“ Seit Erdogans Amtsantritt hat die Türkei einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Der Wohlstand der Bürger verbesserte sich regelmäßig, die Beziehungen ins Ausland ebenso.

Doch seit den letzten Tagen hat sich das Bild gewandelt. Das Pro-Kopf-Einkommen geht nach Angaben der Statistikbehörde zurück, die Konflikte mit den Nachbarländern nehmen dafür zu. Die EU und andere Institutionen mahnen regelmäßig die schlechte Menschenrechtssituation in dem Land an.

Hakan sieht das ein, glaubt aber, dass jedes Land mal eine schwache Phase durchlaufe. Auch der Mann, der von Akit TV interviewt worden ist, will nicht meckern: „Ich bin zufrieden, ich bin zufrieden mit der AKP“, sagt er stolz in die Kamera. „Vor 13, 14 Jahren sah es in der Türkei noch ganz anders aus.“

Am Ende geht er sogar noch einen Schritt weiter. Der Moderator fragt am Ende, ob der Mann für Erdogan auch sterben würde. „Ja, ich würde“, antwortet er, „würde man mich jetzt sofort an den Galgen hängen, wäre ich bereit dazu“.

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