„Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“

« 4 / 9 »

Die Idee des Staates ist in Griechenland noch gar nicht angekommen

Weil manche absolut und relativ nicht auseinanderhalten können und sich dann auf die relativen Sätze beziehen. Die Sätze sind bei den kleineren Einkommen relativ hoch, die Einnahmen daraus absolut niedrig.

Die angeblichen Steuerexperten gebrauchen ihren Menschenverstand nicht, der ihnen sagen würde, dass die bei der Einkommensteuer Aktiveren aufgrund ihrer höheren Konsumintensität natürlich auch den größeren Teil der Mehrwertsteuererträge aufbringen, auch wenn es wahr bleibt, dass die Mehrwertsteuer alle betrifft. Aber die neue Idee liegt auf der Hand: Wir haben einerseits eine Gesellschaft mit sehr hohem privatem Reichtum, andererseits riesige öffentliche Schulden. Die Stadt Bremen ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie zugleich die Stadt mit den höchsten öffentlichen Schulden ist. Was folgt daraus? Ein Kind könnte es herausfinden.

Sie wollen den linken Professoren in Bremen ans Portemonnaie?

Man muss die Starken bei ihrer Stärke aufrufen, das ist richtig. Aber man darf es eben nicht mehr im Modus der konfiskatorischen Besteuerung tun. Wir müssen die gesamte Sphäre der öffentlichen Finanzen in eine Ehrenangelegenheit umwandeln. Das ist psychopolitisch ein sehr anspruchsvolles Manöver, so was dauert gut und gern hundert Jahre. Man muss sich aber die historischen Dimensionen des Problems klarmachen: Wir haben geglaubt, die Vornehmheitsfrage sei erledigt, seit in der Französischen Revolution jede Menge Aristokratenköpfe abgeschlagen wurden. Aber sie ist nicht erledigt. Das Resultat der Französischen Revolution sollte nicht sein, dass die Gesellschaft das Recht bekommt, sich wie die Kanaille zu verhalten, im Gegenteil: Das Volk wird in den Adelsstand erhoben. Ich glaube, wir haben die psychopolitischen Resultate der Französischen Revolution nicht nachvollzogen – die Freisetzung der Kanaille ist jedoch weithin gelungen.

Haben wir den adeligen Gedanken als Menschen in uns?

Die Einzigen, die bewiesen haben, dass der Bürgersinn den Staat wie nebenbei tragen kann, sind die Schweizer. Im Film „Helden“ sagt O. W. Fischer sinngemäß. „Es gibt keinen schöneren Adelstitel als die einfache Schweizer Anrede Herr.“

Kommentar Die Kapitalismuskritik übersieht den gierigen Staat

In Deutschland wird zu viel Hegel und zu wenig Hobbes gelesen. Der Staat ist nicht der Inbegriff der Vernunft, wie die Antikapitalisten wähnen. Er ist oft dumm und gierig. Und das im Namen sozialer Gerechtigkeit.

Kommentar: Die Kapitalismuskritik übersieht den gierigen Staat

Haben uns nicht die modernen Griechen gelehrt, dass die Reichen freiwillig nicht zahlen? Griechenland lebt ja quasi dieses Modell eines abstinenten Staates, der die Steuern zwar verlangt, aber nicht eintreibt.

Die Idee des Staates ist in Griechenland noch gar nicht angekommen. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn die Leute sagen, Griechenland sei die Wiege der Demokratie. Das reale Griechenland ist eine psychopolitische Ruine, in der eine vierhundertjährige türkische Besatzung einen Bodensatz an Resignation, an Privatismus, an Schlaumeierei, an Staatsferne hinterlassen hat. Man denkt da an einen Satz von Joseph de Maistre über die Türken in Griechenland. Die hatten übrigens genügend Zeit, Europäer zu werden, als sie 400 Jahre auf europäischem Boden saßen. Aber was geschah? Die Griechen wurden orientalisiert, es misslang ihnen, die Türken zu okzidentalisieren – falls sie es je versucht haben sollten. Damals wussten sie aber selber noch nichts vom Märchen über die Wiege der Demokratie. Über die Türken von damals sagt der französische Autor: Sie blieben Tartaren, die auf europäischem Boden kampierten.

Wo steht die Wiege der Demokratie? In Paris?

Eher in Rom. Es geht ja zunächst gar nicht um Demokratie als Volksherrschaft, vielmehr um die Res publica, es geht darum, dass es einen öffentlichen Raum gibt, in dem Menschen erleben, es sei das Ehrenhafteste, was ein Mensch tun kann, wenn er an der Gestaltung des Gemeinwesens mitwirkt. Und das ist eher römische Staatsphilosophie gewesen als griechisches Erbe.

Aber wie bekommt man die psychopolitische Wende hin, von der Sie sprechen und die sie fordern, bei der die Bürger freiwillig geben, ohne dass der Staat zusammenbricht?

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Menschen – wie die Vertreter der schwarzen Anthropologie von Thomas Hobbes bis Adorno es uns zugerufen haben – von Natur aus asoziale Wesen, und nur die Furcht vermag sie zur Koexistenz zu zwingen. Denken Sie an Schopenhauer: Die bürgerliche Gesellschaft gleicht einer Gruppe von frierenden Stachelschweinen, die sich um der Wärme willen zusammendrängen und sich dabei nur gegenseitig wehtun können. Das sind Bilder, die den Pessimismus der schwarzen Anthropologie hinreichend belegen. Aber es gibt auch eine andere Linie. Wenn wir bei den „Moral Sense“-Philosophen, aus denen die Nationalökonomie hervorgegangen ist, bei den Schotten, bei Adam Smith und bei Lord Shaftesbury nachschlagen, einer der wunderbarsten Figuren der europäischen Geistesgeschichte, bekommt man ein völlig anderes Bild. Shaftesbury lehrte und praktizierte einen Enthusiasmus der Geselligkeit.

Auch Wilhelm Röpke ging in „Jenseits von Angebot und Nachfrage“ von einem Menschenbild aus, das den Kapitalisten nicht nur als Bestie und den Staat nicht nur als Behelfsmaschine dachte.

Die konvivialen Denker gehen davon aus, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich in Gesellschaft eigentlich ganz wohlfühlt. Es spiegelt sich gern in den Blicken der anderen, es ist voll von empathischen Tugenden. Hier herrscht die Annahme, dass Anteilnahme unsere erste Natur ist und dass bürgerliche Kälte eigentlich erst auf dem zweiten Bildungsweg erworben wird, durch epochenlange negative Dressuren, deren Ergebnisse von Philosophen zu dunklen anthropologischen Thesen übersteigert werden.

131 Kommentare

Alle Kommentare lesen
  • 09.05.2012, 10:41 UhrAnonymer Benutzer: POPPER

    Warum bringt man immer wieder diesen Phrasendrescher Sloterdijk. Der Mann hat doch nun wirklich nichts substanzielles zur Debatte beizutragen, als diese wiederkehrenden Worthülsen eines Parvenü, der lediglich vortäuscht etwas von dem Sachgegenstand zu verstehen. Der Philosoph und sein zu tote gerittenes Steckenpferd. So könnte man die Ergüsse Sloterdijks umschreiben, die er gelegentlich zwanghaft verlautbart. Nun gibt es ja mittlerweile einige Philosophen, die mehr oder weniger erfolgreich in Ökonomie dilettieren. Sloterdijk gehört zu der "Klasse", die Sachverstand durch ziselierte Sprechblasen zu ersetzen sucht. So nennt er den Ersatz für Steuern die "Vornehmheit der Reichen", die dem Staat nichts schulden, sondern freiwillig geben sollen. Wenn man von diesem schwadronierenden Schwachsinn einmal absieht, bringt Sloterdijk etwas auf die Tagesordnung, das die geistige Verfasstheit eines Vertreters unserer geistigen Eliten widerspiegelt, die in philosophischen Quadraten Erkenntnisschärfe vortäuschen dürfen. Bei genauer Betrachtung entdecken wir einen sich im Elfenbeinturm mit vorgetäuschter Wissensbasis windender Snörkeladvokat, dem die einfachsten makroökonomischen Grundkenntnisse fehlen, sodass man sich entsetzt fragt, was so einer im Handelsblatt zu suchen hat und weshalb man diesem pseudoökonomischen Phrasendrescher ganze Seiten überlässt, auf denen er seine zumindest in dieser Hinsicht völlig sinnentleerte Hirnmasse auspressen darf, um eine über Jahre verwüstete Steuerpolitik zu rechtfertigen. Interesant ist auch, dass man diesen Artikel vom 17.12.2011 hier wieder aufwärmt. Offenbar versteht man ihn als Antithese zu Wagenknechts kompetenten Ausführungen. Armes Deutschland kann man da nur sagen, bei soviel Kampagnenjournalismus.

  • 20.01.2012, 10:44 UhrAnonymer Benutzer: Strichnid

    Da kann ich nur gähnen, wenn Sloterdijk seine alte Suppe von der freiwillig gebenden Hand auftischt. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass mit freiwilligen Abgaben ein Gemeinwesen zu finanzieren wäre? Nein, das ist nichts anderes als ein billiges Feigenblatt um sich nicht erklären zu müssen, warum man weniger Steuern zahlen will.
    Wenn der Mensch egoistisch sein darf, dann wird er es im Schnitt auch tun - nämlich nichts zahlen. Er ist erst bereit zur Zahlung, wenn er weiß, dass dies für jeden gilt. So und nicht anders funktioniert ein Gemeinwesen, auch wenn Sloterdijk da irgendwelche Träume zu haben scheint.
    Das ist übrigens auch ein Problem in Deutschland, dass die einfachen Bürger immer häufiger sehen müssen, dass auch die bestverdienendsten Menschen sich um die Steuer drücken, dass die Zumwinkels betrügen und damit davonkommen, dass sich Bundespräsidenten schamlos bedienen - das untergräbt die allgemeine Steuermoral, und hier muss man ansetzen. Wir brauchen mehr Steuerfahnder, die nicht mehr von Politikern zurückgepfiffen werden können.

  • 26.12.2011, 20:46 UhrAnonymer Benutzer: WilhelmSpanknebel

    Herr Sloterdijk benennt in dem Interview viele wichtige Punkte, auch und gerade solche, die in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor übergangen werden. Essentiell z.B. ist die Aussage, dass die moderne Marktwirtschaft - oder auch Kapitalismus - im Kern von Kreditbeziehungen (und deren Funktionieren – Pfändbarkeit und Vollstreckbarkeit) geprägt wird. Man sollte viell. noch ergänzen, dass das nicht nur für Staatsschulden gilt, sondern angefangen bei der Zentralbank (die als Kernoperation ihr Zentralbankgeld per Kredit an Banken vergibt), auch auf Banken, Unternehmen wie auch auf Normalbürgers Kreditkarte zutrifft. Einen Kritikpunkt bezüglich der Äußerungen zur Schuld der Staaten: einerseits ist es absolut richtig von einer Tilgungsillusion und damit verbunden von der im Kern Investoren-psychologischen Komponente zu sprechen, auf denen Staatsanleihen beruhen. Auf moralischer Ebene würde ich allerdings vorsichtiger sein: denn die Staaten stehen nicht nur durch eigene Misswirtschaft, sondern eben auch durch die Marktmechanismen selbst unter Zugzwang. Die von Sloterdijk angesprochene Konsumintensität nimmt bei höherem Einkommen und Vermögen absolut gesehen zwar zu, relativ gesehen jedoch ab. Während gleichzeitig mehr und mehr Anlage suchendes Kapital in die Finanzmärkte strömt (z.B. in Staatsanleihen) und dort unter bestimmten Bedingungen für Verwerfungen sorgt. Das führt insbesondere in reiferen Marktwirtschaften zu einem Rettungs- und Stimulationszwang für Finanzsystem bzw. Volkswirtschaft. Kurzfristig wohlgemerkt. Langfristig steht die Politik tatsächlich in der 'Schuld' auf individueller Ebene die (auch moralischen) Anreizmechanismen für die betreffenden Einkommensbezieher zu verändern. Und andererseits die gesamtwirtschaftliche Krisenanfälligkeit bei ausbleibenden staatlichen Interventionen auf ein Minimum zu reduzieren. Und das – so hofft sicherlich auch Herr Sloterdijk – nicht erst in 100 Jahren.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Über 90 Tote: Entsetzen über Massaker in Syrien

Entsetzen über Massaker in Syrien

Bei einem Massaker sind in Syrien mehr als 90 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter auch viele Kinder. Die entsetzte internationale Gemeinschaft fordert erneut ein Ende der Gewalt - doch das Blutvergießen geht weiter.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International