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Peter Sloterdijk: „Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“

Im Handelsblatt-Interview spricht der Philosoph Peter Sloterdijk über den Schuldenschlamassel, die linke Bankenkritik und die Suche nach einer neuen Ethik in Zeiten der globalen Vertrauenskrise.

Peter Sloterdijk: „Wir haben eine Zeit vor uns, in der der Experimentalcharakter aller Politik allgemein bewusst wird.“ Quelle: picture alliance
Peter Sloterdijk: „Wir haben eine Zeit vor uns, in der der Experimentalcharakter aller Politik allgemein bewusst wird.“ Quelle: picture alliance

Handelsblatt: Beginnen wir mit der Frage aller Fragen, mit der Schuldfrage: Wer trägt die Hauptschuld an dem Schlamassel, den wir derzeit in Europa sehen? Sind das die von Gier gesteuerten Systeme des Finanzmarktes, wie Sie es einmal formuliert haben, oder die von ihren eigenen Versprechungen abhängigen Politiker? Oder sind es die Bürger selbst, die immer mehr wollen, als sie zu zahlen bereit sind?

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Peter Sloterdijk: So seltsam es klingt: Wir kommen heute – und Ihre Frage drückt das wunderbar aus – von den modernen Schulden zur klassischen Schuld zurück. Die Frage lautet ja: Wer ist schuld an den Schulden? Das bedeutet, dass es offenbar zwei Arten gibt, wie Menschen an eine belastende Vergangenheit gebunden sein können. Durch Schulden gebunden zu sein ist der moderne Weg. Schulden sind gewissermaßen die Sünden, zu deren Vergebung man durch Tilgung beitragen kann – während moralische Schuld uns durch einen anderen vergeben werden muss.

Aber es sieht so aus, dass wir unsere Schulden heute nicht mehr tilgen, sondern nur noch auf Vergebung hoffen können.

Der alte religiöse Pferdefuß schaut jetzt aus dem modernen finanztechnischen Schuldenbegriff wieder heraus, und zwar von dem Augenblick an, seit die Schulden sich so stark akkumuliert haben, dass der Gedanke an die Tilgung jede Glaubwürdigkeit verliert. Der Schuldmechanismus kann nur so lange wirken, wie es Menschen gibt, die allen Ernstes glauben, dass ein Schuldner imstande sein wird, a) die ganze Kreditsumme zu tilgen und b) den Aufschlag in Form von Zins zu erbringen. Wer fähig ist, solches zu glauben, kann Gläubiger werden.

Report der US-Finanzkrisenkommission Die ungeschminkte Wahrheit zur Finanzkrise

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Was Sie beschreiben, war die Geschäftsgrundlage des Wirtschaftsverhaltens in den letzten 200 Jahren.

Weitaus länger! Im frühen 16. Jahrhundert hat sich ein exemplarischer Vorgang abgespielt: Jakob Fugger, der Reiche, hat sich die Tiroler Silberbergwerke vom Landesfürsten als Sicherheit geben lassen, während ein ungeschickter Verwandter aus der Linie der Fugger vom Reh die Stadt Lüttich als Pfand akzeptierte, wobei er eines morgens feststellte, dass eine Stadt kein Pfand sein kann, weil sie nicht zwangsvollstreckbar ist. Man braucht beim Glauben Pfandklugheit.

Aber ist dieser Zusammenhang von Schuld und Schulden nicht deshalb verlorengegangen, weil in der modernen Wirtschaftstheorie Schulden gar nicht mehr als Schuld betrachtet werden? Sondern als Investition und damit als eine Art Grundrecht der lebenden Generation, sich aus den vermuteten Schätzen der kommenden Generation zu bedienen? Die Amerikaner nennen das Stimulus Package. An Tilgung denkt im modernen Pumpkapitalismus niemand mehr.

Im Grund geht es um die Kultivierung eines pathologischen Verhältnisses zur Vergangenheit. Verbrechen oder Sünde sind pathologisch – sie binden einen Täter ans Gewesene im Modus des später nachfolgenden Leidens. So werden sie von ihren Taten eingeholt. Der lange Arm der Schuld, der aus der Vergangenheit in die Gegenwart greift, wird in der modernen Gesellschaft vor allem durch den Kredit dargestellt. Der Kredit wiederum muss an zwei Verankerungen befestigt sein: zum einen am Pfand, zum anderen an einem Staat, der die Zwangsvollstreckung garantiert.

Der Kuckuck und nicht der Bundesadler müsste demnach den Staat repräsentieren.

Es wäre für alle Zeitgenossen in der Tat hilfreicher, wenn wir weniger über einen Bundeskanzler reden würden und mehr über einen Bundesgerichtsvollzieher. Denn dort, wo der Gerichtsvollzug garantiert wird, liegt das eigentliche semantische oder juristisch-moralische Zentrum des Gemeinwesens. Wenn das Gemeinwesen überwiegend auf kreditgetriebener Wirtschaft beruht, dann ist dieser Mechanismus, der die Besicherung der Kredite durch die Vollstreckung gewährleistet, das moralische A und O. Bevor man also vom Staat Gerechtigkeit erwartet, sollte man sich klarmachen: Als Garant der Zwangsvollstreckung steht der Staat längst im Zentrum der spezifisch modernen Transaktionen.

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In Griechenland stellen die Gläubiger jedoch fest, dass sie mehr ausgeliehen haben, als sie pfänden können. Auch ihnen fehlte offenbar die Pfandklugkeit. Sie erleben das Schicksal von Hans Fugger als Déjà-vu.

Wir erreichen erneut den Punkt, an dem den Staaten bevorsteht, was Fugger vom Reh passierte, der bekanntlich aus der Wirtschaftsgeschichte ausgeschieden ist, während die von Jakob dem Reichen vertretene Linie prosperierte – aufgrund von erwiesener Pfandklugheit. Und an genau dieser fehlt es heute. Die Regierungen verpfänden die Luft über ihrem Staatsgebiet, und Banken atmen tief durch. Wenn man es sich recht überlegt, ist das haarsträubend. Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen, möglicherweise vergleichbar mit dem moralisch-ökonomischen Super-GAU der Jahre 1922/23, der Hyperinflationszeit.

Die Deutschen sind seit jener Zeit, verstärkt noch durch die zweite Hyperinflation nach Ende des Zweiten Weltkrieges, mehr als andere traumatisiert. Ist diese moralische Art des Nachdenkens über die Krise womöglich typisch deutsch?

Ich würde eher sagen, die deutsche Sprache ist in diesen Dingen sehr deutsch, sie liefert uns diese Gedanken frei Haus. Wir sollten sie nicht tadeln für etwas, das zu ihren Vorzügen gehört, nämlich dass sie einen anderswo verdeckten Zusammenhang leicht greifbar macht. Wenn Sie auf Englisch „debt“ und „guilt“ sagen, dann fällt einem nichts auf, und in den lateinischen Sprachen funktioniert das Spiel sowieso nicht. Denkt man aber in der Sache nach, kommen wir überall zu ähnlichen Befunden, denn es sind jedes Mal die Knoten, die in der Vergangenheit geknüpft worden sind, mit denen sich die Gegenwart an die Vergangenheit anbindet.

131 Kommentare

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  • 09.05.2012, 10:41 UhrAnonymer Benutzer: POPPER

    Warum bringt man immer wieder diesen Phrasendrescher Sloterdijk. Der Mann hat doch nun wirklich nichts substanzielles zur Debatte beizutragen, als diese wiederkehrenden Worthülsen eines Parvenü, der lediglich vortäuscht etwas von dem Sachgegenstand zu verstehen. Der Philosoph und sein zu tote gerittenes Steckenpferd. So könnte man die Ergüsse Sloterdijks umschreiben, die er gelegentlich zwanghaft verlautbart. Nun gibt es ja mittlerweile einige Philosophen, die mehr oder weniger erfolgreich in Ökonomie dilettieren. Sloterdijk gehört zu der "Klasse", die Sachverstand durch ziselierte Sprechblasen zu ersetzen sucht. So nennt er den Ersatz für Steuern die "Vornehmheit der Reichen", die dem Staat nichts schulden, sondern freiwillig geben sollen. Wenn man von diesem schwadronierenden Schwachsinn einmal absieht, bringt Sloterdijk etwas auf die Tagesordnung, das die geistige Verfasstheit eines Vertreters unserer geistigen Eliten widerspiegelt, die in philosophischen Quadraten Erkenntnisschärfe vortäuschen dürfen. Bei genauer Betrachtung entdecken wir einen sich im Elfenbeinturm mit vorgetäuschter Wissensbasis windender Snörkeladvokat, dem die einfachsten makroökonomischen Grundkenntnisse fehlen, sodass man sich entsetzt fragt, was so einer im Handelsblatt zu suchen hat und weshalb man diesem pseudoökonomischen Phrasendrescher ganze Seiten überlässt, auf denen er seine zumindest in dieser Hinsicht völlig sinnentleerte Hirnmasse auspressen darf, um eine über Jahre verwüstete Steuerpolitik zu rechtfertigen. Interesant ist auch, dass man diesen Artikel vom 17.12.2011 hier wieder aufwärmt. Offenbar versteht man ihn als Antithese zu Wagenknechts kompetenten Ausführungen. Armes Deutschland kann man da nur sagen, bei soviel Kampagnenjournalismus.

  • 20.01.2012, 10:44 UhrAnonymer Benutzer: Strichnid

    Da kann ich nur gähnen, wenn Sloterdijk seine alte Suppe von der freiwillig gebenden Hand auftischt. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass mit freiwilligen Abgaben ein Gemeinwesen zu finanzieren wäre? Nein, das ist nichts anderes als ein billiges Feigenblatt um sich nicht erklären zu müssen, warum man weniger Steuern zahlen will.
    Wenn der Mensch egoistisch sein darf, dann wird er es im Schnitt auch tun - nämlich nichts zahlen. Er ist erst bereit zur Zahlung, wenn er weiß, dass dies für jeden gilt. So und nicht anders funktioniert ein Gemeinwesen, auch wenn Sloterdijk da irgendwelche Träume zu haben scheint.
    Das ist übrigens auch ein Problem in Deutschland, dass die einfachen Bürger immer häufiger sehen müssen, dass auch die bestverdienendsten Menschen sich um die Steuer drücken, dass die Zumwinkels betrügen und damit davonkommen, dass sich Bundespräsidenten schamlos bedienen - das untergräbt die allgemeine Steuermoral, und hier muss man ansetzen. Wir brauchen mehr Steuerfahnder, die nicht mehr von Politikern zurückgepfiffen werden können.

  • 26.12.2011, 20:46 UhrAnonymer Benutzer: WilhelmSpanknebel

    Herr Sloterdijk benennt in dem Interview viele wichtige Punkte, auch und gerade solche, die in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor übergangen werden. Essentiell z.B. ist die Aussage, dass die moderne Marktwirtschaft - oder auch Kapitalismus - im Kern von Kreditbeziehungen (und deren Funktionieren – Pfändbarkeit und Vollstreckbarkeit) geprägt wird. Man sollte viell. noch ergänzen, dass das nicht nur für Staatsschulden gilt, sondern angefangen bei der Zentralbank (die als Kernoperation ihr Zentralbankgeld per Kredit an Banken vergibt), auch auf Banken, Unternehmen wie auch auf Normalbürgers Kreditkarte zutrifft. Einen Kritikpunkt bezüglich der Äußerungen zur Schuld der Staaten: einerseits ist es absolut richtig von einer Tilgungsillusion und damit verbunden von der im Kern Investoren-psychologischen Komponente zu sprechen, auf denen Staatsanleihen beruhen. Auf moralischer Ebene würde ich allerdings vorsichtiger sein: denn die Staaten stehen nicht nur durch eigene Misswirtschaft, sondern eben auch durch die Marktmechanismen selbst unter Zugzwang. Die von Sloterdijk angesprochene Konsumintensität nimmt bei höherem Einkommen und Vermögen absolut gesehen zwar zu, relativ gesehen jedoch ab. Während gleichzeitig mehr und mehr Anlage suchendes Kapital in die Finanzmärkte strömt (z.B. in Staatsanleihen) und dort unter bestimmten Bedingungen für Verwerfungen sorgt. Das führt insbesondere in reiferen Marktwirtschaften zu einem Rettungs- und Stimulationszwang für Finanzsystem bzw. Volkswirtschaft. Kurzfristig wohlgemerkt. Langfristig steht die Politik tatsächlich in der 'Schuld' auf individueller Ebene die (auch moralischen) Anreizmechanismen für die betreffenden Einkommensbezieher zu verändern. Und andererseits die gesamtwirtschaftliche Krisenanfälligkeit bei ausbleibenden staatlichen Interventionen auf ein Minimum zu reduzieren. Und das – so hofft sicherlich auch Herr Sloterdijk – nicht erst in 100 Jahren.

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