Peter Sloterdijk „Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“

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„Ich weiß nicht, was diese Leute wirklich denken“

Aber Ihre Plattfußtheologen wenden ein, dass sie schon eine Verbindlichkeit brauchen, weil ja auch die Ausgaben des Sozialstaates sehr verbindlich sind.

Es bleibt auch im alternativen System alles verbindlich. Aber die Qualität der Transaktion als solche wird anders erlebt. Die Menschen werden endlich in ihrer Geberqualität anerkannt – es wäre eine fast unsichtbare, aber ungeheuer weitreichende psychologische Revolution, wenn die Menschen, die wirklich die Gemeinwesenkasse füllen, in dieser Eigenschaft erstmals ernst genommen würden. Es kann doch nicht sein, dass ich mich in dem Moment, wo ich mich dem Allgemeinwesen am meisten zuwende, im Augenblick der Steuerzahlung, vonseiten des Fiskus in die passivste und würdeloseste Rolle gedrängt sehe.

Der Gebende ist in unserem System eigentlich der Schuldige.

Das ist ein psychopolitischer Fehler, an dem die moderne Demokratie scheitern könnte. Die Etatisten aller Couleur nehmen das nicht ernst genug. Sie glauben, die Systeme laufen für immer von selber. Unsere ganze Welt ist auf einem psychopolitischen Grundfehler aufgebaut, weil sie die Freiwilligkeitsdimension in all diesen Transaktionen zwischen Staat und Bürger nicht hoch genug ansetzt.

Aber geht nicht der FDP-Liberalismus demselben Freund-Feind-Schema auf den Leim, indem er reziprok zur abkassierenden Hand die nachlassende Hand erfindet, also die Steuersenkung? Ist das dieselbe Idiotie, nur mit anderen Vorzeichen?

Ich weiß nicht, was diese Leute wirklich denken. Es sind sicher klientelpolitische Entscheidungen, die hinter solch einer Rhetorik stehen. Aber wie alle anderen versäumen es auch die Liberalen, das positive Gemeinwesenbewusstsein bei ihrer Klientel im richtigen Ton anzusprechen. Sie geben sich, als wären sie nur eine Steuervermeiderpartei. Aber man soll nicht vergessen, der Vermeidungsreflex ist das Resultat einer psychopolitischen Fehlentwicklung, die sehr weit zurückreicht. Jetzt wird sie fatal, weil sie sich überschneidet mit der jahrzehntelang verheerend falsch ausgeübten Fiskalpolitik der Staaten.

Die Ursache für die aktuelle Krise?

Vor der Ursachenanalyse kommt der Krisenbefund: Wir haben eine riesige Vertrauenskrise, die eben die Glaubwürdigkeitskrise des Kredits ist. Sie führt Schritt für Schritt zu der Unmöglichkeit, Staaten als Kreditnehmer noch ernst zu nehmen. Nicht mehr die Kanone ist die Ultima Ratio der Staaten, sondern der Bankrott.

Der Staat hat dafür zwei Dinge, die wir Privaten nicht dürfen: Er darf Kriege führen, das ist sein erstes Recht, und er darf Geld drucken. Letzteres tut er jetzt. Um dem Bankrott zu entgehen, um weitermachen zu können. In Frankfurt, während wir hier sitzen, wird Geld in den Kreislauf geschossen, das nicht erwirtschaftet worden ist, wie in Amerika auch. Wie beurteilen Sie das?

Das Geldmachen ist von Wirtschaftswissenschaftlern des 20. Jahrhunderts als das kleinere Übel gelobt worden, sofern es hilft, die Rezession zu verhindern. Natürlich, sobald man die Rezession als das größtmögliche Übel definiert hat, dann landet man bei der Inflationspolitik als dem kleineren. Womit wir wieder bei der Sozialdemokratie sind. Die hat sich in der weltgeschichtlichen Konkurrenz mit dem Leninismus immer als die Partei des kleineren Übels präsentiert.

Aber alle Sozialdemokraten und alle Konservativen betreiben heute das Geschäft der Geldflutung. Bei allen politischen Differenzen, die wir haben: Die Geldfluter bilden die ganz große Koalition.

Vielleicht kommt ja demnächst irgendein Finanzgenie und beweist uns, dass die amerikanischen Staatsschulden intrinsisch gegen unendlich gehen können, ohne dass etwas passiert. Das wäre eine neue Mathematik, auf die das Hirn des alten Homo sapiens nicht vorbereitet ist.

Aber stimmen Sie denn der Analyse zu, dass eine Rezession der „Worst Case“ wäre?

Ich habe einen anderen schlimmsten Fall vor Augen, die vollkommene allgemeine Demoralisierung. Auf die steuern wir zu.

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„Eine kollektive Demoralisierung ist schlimmer als jede Rezession“
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130 Kommentare zu "Peter Sloterdijk: „Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“"

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  • Wenn wir von Schulden und Schuldner reden, dann haben wir das klassische Bild eines Geldleihers vor Augen, der, falls er nicht zurückzahlen kann, gepfändet und den Offenbarungseid leisten muss. Das heißt , unser Staat garantiert die Sanktionsmittel der Kreditgeber. Frage: Welche Sanktionsmittel haben wir, wenn ein Staat sich verschuldet und nicht mehr zahlt?
    Arthur

  • Wer's glaubt, wird selig!
    (Zu schön,um wahr zu sein!)
    Es lebe die theoretische Phrasologie!

  • Wers glaubt, wird selig!
    Zu schön, um wahr zu sein!
    Ein Hoch auf die Phrasologie!

  • Wers glaubt, wird selig!!!

  • Wers glaubt, wird selig!
    Schön wärs!

  • Warum bringt man immer wieder diesen Phrasendrescher Sloterdijk. Der Mann hat doch nun wirklich nichts substanzielles zur Debatte beizutragen, als diese wiederkehrenden Worthülsen eines Parvenü, der lediglich vortäuscht etwas von dem Sachgegenstand zu verstehen. Der Philosoph und sein zu tote gerittenes Steckenpferd. So könnte man die Ergüsse Sloterdijks umschreiben, die er gelegentlich zwanghaft verlautbart. Nun gibt es ja mittlerweile einige Philosophen, die mehr oder weniger erfolgreich in Ökonomie dilettieren. Sloterdijk gehört zu der "Klasse", die Sachverstand durch ziselierte Sprechblasen zu ersetzen sucht. So nennt er den Ersatz für Steuern die "Vornehmheit der Reichen", die dem Staat nichts schulden, sondern freiwillig geben sollen. Wenn man von diesem schwadronierenden Schwachsinn einmal absieht, bringt Sloterdijk etwas auf die Tagesordnung, das die geistige Verfasstheit eines Vertreters unserer geistigen Eliten widerspiegelt, die in philosophischen Quadraten Erkenntnisschärfe vortäuschen dürfen. Bei genauer Betrachtung entdecken wir einen sich im Elfenbeinturm mit vorgetäuschter Wissensbasis windender Snörkeladvokat, dem die einfachsten makroökonomischen Grundkenntnisse fehlen, sodass man sich entsetzt fragt, was so einer im Handelsblatt zu suchen hat und weshalb man diesem pseudoökonomischen Phrasendrescher ganze Seiten überlässt, auf denen er seine zumindest in dieser Hinsicht völlig sinnentleerte Hirnmasse auspressen darf, um eine über Jahre verwüstete Steuerpolitik zu rechtfertigen. Interesant ist auch, dass man diesen Artikel vom 17.12.2011 hier wieder aufwärmt. Offenbar versteht man ihn als Antithese zu Wagenknechts kompetenten Ausführungen. Armes Deutschland kann man da nur sagen, bei soviel Kampagnenjournalismus.

  • Da kann ich nur gähnen, wenn Sloterdijk seine alte Suppe von der freiwillig gebenden Hand auftischt. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass mit freiwilligen Abgaben ein Gemeinwesen zu finanzieren wäre? Nein, das ist nichts anderes als ein billiges Feigenblatt um sich nicht erklären zu müssen, warum man weniger Steuern zahlen will.
    Wenn der Mensch egoistisch sein darf, dann wird er es im Schnitt auch tun - nämlich nichts zahlen. Er ist erst bereit zur Zahlung, wenn er weiß, dass dies für jeden gilt. So und nicht anders funktioniert ein Gemeinwesen, auch wenn Sloterdijk da irgendwelche Träume zu haben scheint.
    Das ist übrigens auch ein Problem in Deutschland, dass die einfachen Bürger immer häufiger sehen müssen, dass auch die bestverdienendsten Menschen sich um die Steuer drücken, dass die Zumwinkels betrügen und damit davonkommen, dass sich Bundespräsidenten schamlos bedienen - das untergräbt die allgemeine Steuermoral, und hier muss man ansetzen. Wir brauchen mehr Steuerfahnder, die nicht mehr von Politikern zurückgepfiffen werden können.

  • Herr Sloterdijk benennt in dem Interview viele wichtige Punkte, auch und gerade solche, die in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor übergangen werden. Essentiell z.B. ist die Aussage, dass die moderne Marktwirtschaft - oder auch Kapitalismus - im Kern von Kreditbeziehungen (und deren Funktionieren – Pfändbarkeit und Vollstreckbarkeit) geprägt wird. Man sollte viell. noch ergänzen, dass das nicht nur für Staatsschulden gilt, sondern angefangen bei der Zentralbank (die als Kernoperation ihr Zentralbankgeld per Kredit an Banken vergibt), auch auf Banken, Unternehmen wie auch auf Normalbürgers Kreditkarte zutrifft. Einen Kritikpunkt bezüglich der Äußerungen zur Schuld der Staaten: einerseits ist es absolut richtig von einer Tilgungsillusion und damit verbunden von der im Kern Investoren-psychologischen Komponente zu sprechen, auf denen Staatsanleihen beruhen. Auf moralischer Ebene würde ich allerdings vorsichtiger sein: denn die Staaten stehen nicht nur durch eigene Misswirtschaft, sondern eben auch durch die Marktmechanismen selbst unter Zugzwang. Die von Sloterdijk angesprochene Konsumintensität nimmt bei höherem Einkommen und Vermögen absolut gesehen zwar zu, relativ gesehen jedoch ab. Während gleichzeitig mehr und mehr Anlage suchendes Kapital in die Finanzmärkte strömt (z.B. in Staatsanleihen) und dort unter bestimmten Bedingungen für Verwerfungen sorgt. Das führt insbesondere in reiferen Marktwirtschaften zu einem Rettungs- und Stimulationszwang für Finanzsystem bzw. Volkswirtschaft. Kurzfristig wohlgemerkt. Langfristig steht die Politik tatsächlich in der 'Schuld' auf individueller Ebene die (auch moralischen) Anreizmechanismen für die betreffenden Einkommensbezieher zu verändern. Und andererseits die gesamtwirtschaftliche Krisenanfälligkeit bei ausbleibenden staatlichen Interventionen auf ein Minimum zu reduzieren. Und das – so hofft sicherlich auch Herr Sloterdijk – nicht erst in 100 Jahren.

  • Sie verwechseln die Lehmann-Krise, bei der raffgierige
    Bankangestelle dubiose Geldanlagen empfahlen mit der jetzigen €-Krise, die durch unverantwortliche Schulden-
    aufnahme der Politiker entstanden ist.
    Peter

  • Sie verwechseln die Lehmann-Krise, bei der raffgierige
    Bankangestelle dubiose Geldanlagen empfahlen mit der jetzigen €-Krise, die durch unverantwortliche Schulden-
    aufnahme der Politiker entstanden ist.
    Peter

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