„Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“

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„Staatsschulden sind ein Indikator für ein Sozialismusdefizit“

Der Bürger, das Ich, hält Maß. Aber sein Staat, das „Wir“, kann es nicht?

Man darf eines an dieser Stelle nicht vergessen: Das 20. Jahrhundert war in seiner ersten Hälfte durch die sogenannte Systemkonkurrenz geprägt. Wir hatten den real existierenden Sozialismus vor der Haustür, sprich die kommunistische Kommandowirtschaft. Die Lage sorgte für enormen psychopolitischen Druck, gerade bei uns. Aus dem ist die allgemeine Sozialdemokratisierung des Westens hervorgegangen. Mit anderen Worten: Eigentlich hat uns Genosse Stalin den Sozialstaat geschenkt. Doch eben diese Konkurrenz hat definitiv aufgehört, und zwar lange vor der Implosion der Sowjetunion. Schon Margaret Thatcher wusste, was sie tat, als sie damals den Streit mit den britischen Bergarbeitern über ein Jahr lang ausgehalten hat.

Zu ihrer Zeit war der Kommunismus allerdings noch lebendig.

Es gab ihn noch als System, aber nicht mehr als Inspirationsquelle oder als Drohkulisse. Der Kommunismus war spätestens seit 1975 in seiner Papiertigerqualität durchschaut. Damals gab es Autoren, die allen Ernstes meinten: Jetzt erst kann man erstmals den real existierenden Kapitalismus probieren. Bis dahin gab es ja nirgendwo reinen Kapitalismus, sondern nur Mischsysteme, sagen wir einen weltweit relativ erfolgreichen Semi-Sozialismus, der sich in der Systemalternative Sozialdemokratie versus Leninismus durchgesetzt hatte. Das Wegfallen des Ostblockdrucks ergab die neoliberale Episode, die sich heute ihrem Ende zuneigt.

Noch einmal zu Ihrem Begriff des Semi-Sozialismus: Haben wir die Konvergenz der Systeme vielleicht zu weit getrieben? Der Sozialismus ist ja bekanntermaßen auf Verschleiß gefahren worden: Die Maschinen sind verschlissen, die Menschen, das Geistige, aber auch die Häuser. Wir im Westen haben es aber – anders als von der Linken oft behauptet – nicht von den Reichen genommen und den Armen gegeben, sondern wir haben es von Gläubigern genommen. Der Semi-Sozialismus hat sich mit den Banken verbündet, hat sich nachts Kredite besorgt, um am nächsten Tag die Wähler zu beeindrucken. Haben wir nicht den Verschleiß einfach nur in die Zukunft verlagert?

Die Staatsschulden sind zu einem wesentlichen Teil ein Indikator für ein strukturelles Sozialismusdefizit in der Gemeinschaftskasse. Was man sich nicht in Form von Besteuerung holen kann, lässt man sich durch leichtsinnige Gläubiger kreditieren. Das Sozialismusdefizit drückt sich präzise aus im Ausmaß der Staatsverschuldung. In der Zeit des blühenden Rheinischen Kapitalismus war die Staatsverschuldungsquote niedrig, weil unter konservativen Regierungen der Semi-Sozialismus besser funktioniert. Die Soziale Marktwirtschaft von Ludwig Erhard umschreibt dieses Konzept auf so sonore Weise, dass auch Konservative es sich gefallen lassen. In Wahrheit leben wir längst in einem massenmedial integrierten, fiskalisierten Semi-Sozialismus auf der Grundlage einer zinsgetriebenen Ökonomie, die viele Leute Kapitalismus nennen.

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Es war also nicht die „unsichtbare Hand des Marktes“, sondern die unsichtbare Hand Stalins, die uns die Soziale Marktwirtschaft beschert hat?

Die Hand Stalins hat sicher eine große Rolle gespielt, und auch die gewerkschaftlichen Positionen von damals waren viel stärker. Vor allem aber hatten wir eine ganz andere psychopolitische Grundsituation: Praktisch alle haben noch an unaufhaltsame Verbesserungen geglaubt. Der eigentliche historische Einschnitt hat in dem Moment stattgefunden, als die Menschen in unserem Weltteil nicht mehr auf einen hellen, sondern auf einen bewölkten, sogar drohenden Horizont schauten. Das ist die psychopolitische Primärtatsache im gegenwärtigen Westen. Damals haben wir Luxuspessimismen kultivieren können: Erinnern wir uns nur an das Waldsterben. Wir haben auch die nukleare Bedrohung im luxuspessimistischen Sinn hysterisiert und übersteigert. Jetzt sind die Realpessimismen obenauf.

Wie kommen wir aus diesem Schuldenschlamassel wieder raus? Der neoliberale Weg ist politisch diskreditiert, der Glaube an den starken Staat kehrt zurück. Hatten die Linken doch recht, wie „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher meint?

Die Linke kann leider nicht recht haben, weil sie keine neue Idee in die Debatte eingeführt hat. Sie wiederholt nur erschöpfte Ideen: Man muss es mit Gewalt bei denen holen, die es haben.

Die Schuldfrage beantwortet die Linke eindeutig: Die Banken sind schuld. Sie haben uns wie ein Dealer vollgepumpt mit dem Schuldenstoff.

Das ist so, wie wenn der Zigarettenraucher, der einen Tumor bekommt, gegen Marlboro klagt.

Aber wer soll die Staaten aus ihrer selbstverursachten Misere befreien? Muss das Geld am Ende nicht doch von den Reichen kommen?

Das ist naheliegend. Das Geld ist da. Der Reichtum ist überwältigend. Jedoch: Wir haben über Jahrhunderte hinweg psychopolitisch immer auf dem falschen Bein Hurra geschrien. Wir haben die Umverteilung als eine Angelegenheit betrachtet, die entweder, wie im Leninismus, mit mörderischer Gewalt oder mit mittelsanfter fiskalischer Gewalt wie in den westlichen Systemen vollzogen werden kann. Dabei hat man die Rechnungohne die Bürger gemacht.

Geben die Reichen ihr Geld denn freiwillig?

Sehen Sie, Steuern sind ein wunderbares Instrument, um die Gebefähigkeit von Populationsschichten auszutesten. Wir haben 40 Millionen Berufstätige in Deutschland. Ungefähr 16 Millionen sind aufgrund niederer Einkommen von den direkten Steuern ausgenommen. Die sind auch bei der Mehrwertsteuer nicht sehr aktiv beteiligt, weil sie einen Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, die nur mit sieben Prozent belastet sind. Es ist also Schwachsinn, wenn man in der Steuerdebatte oft hört, dass alle gleich viel Mehrwertsteuer zahlen. Schaut man sich diese Scheinwahrheit näher an, liegen natürlich auch bei dieser Steuer dieselben Leute vorn, die schon bei der Einkommensteuer den Löwenanteil leisten.

131 Kommentare

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  • 09.05.2012, 10:41 UhrAnonymer Benutzer: POPPER

    Warum bringt man immer wieder diesen Phrasendrescher Sloterdijk. Der Mann hat doch nun wirklich nichts substanzielles zur Debatte beizutragen, als diese wiederkehrenden Worthülsen eines Parvenü, der lediglich vortäuscht etwas von dem Sachgegenstand zu verstehen. Der Philosoph und sein zu tote gerittenes Steckenpferd. So könnte man die Ergüsse Sloterdijks umschreiben, die er gelegentlich zwanghaft verlautbart. Nun gibt es ja mittlerweile einige Philosophen, die mehr oder weniger erfolgreich in Ökonomie dilettieren. Sloterdijk gehört zu der "Klasse", die Sachverstand durch ziselierte Sprechblasen zu ersetzen sucht. So nennt er den Ersatz für Steuern die "Vornehmheit der Reichen", die dem Staat nichts schulden, sondern freiwillig geben sollen. Wenn man von diesem schwadronierenden Schwachsinn einmal absieht, bringt Sloterdijk etwas auf die Tagesordnung, das die geistige Verfasstheit eines Vertreters unserer geistigen Eliten widerspiegelt, die in philosophischen Quadraten Erkenntnisschärfe vortäuschen dürfen. Bei genauer Betrachtung entdecken wir einen sich im Elfenbeinturm mit vorgetäuschter Wissensbasis windender Snörkeladvokat, dem die einfachsten makroökonomischen Grundkenntnisse fehlen, sodass man sich entsetzt fragt, was so einer im Handelsblatt zu suchen hat und weshalb man diesem pseudoökonomischen Phrasendrescher ganze Seiten überlässt, auf denen er seine zumindest in dieser Hinsicht völlig sinnentleerte Hirnmasse auspressen darf, um eine über Jahre verwüstete Steuerpolitik zu rechtfertigen. Interesant ist auch, dass man diesen Artikel vom 17.12.2011 hier wieder aufwärmt. Offenbar versteht man ihn als Antithese zu Wagenknechts kompetenten Ausführungen. Armes Deutschland kann man da nur sagen, bei soviel Kampagnenjournalismus.

  • 20.01.2012, 10:44 UhrAnonymer Benutzer: Strichnid

    Da kann ich nur gähnen, wenn Sloterdijk seine alte Suppe von der freiwillig gebenden Hand auftischt. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass mit freiwilligen Abgaben ein Gemeinwesen zu finanzieren wäre? Nein, das ist nichts anderes als ein billiges Feigenblatt um sich nicht erklären zu müssen, warum man weniger Steuern zahlen will.
    Wenn der Mensch egoistisch sein darf, dann wird er es im Schnitt auch tun - nämlich nichts zahlen. Er ist erst bereit zur Zahlung, wenn er weiß, dass dies für jeden gilt. So und nicht anders funktioniert ein Gemeinwesen, auch wenn Sloterdijk da irgendwelche Träume zu haben scheint.
    Das ist übrigens auch ein Problem in Deutschland, dass die einfachen Bürger immer häufiger sehen müssen, dass auch die bestverdienendsten Menschen sich um die Steuer drücken, dass die Zumwinkels betrügen und damit davonkommen, dass sich Bundespräsidenten schamlos bedienen - das untergräbt die allgemeine Steuermoral, und hier muss man ansetzen. Wir brauchen mehr Steuerfahnder, die nicht mehr von Politikern zurückgepfiffen werden können.

  • 26.12.2011, 20:46 UhrAnonymer Benutzer: WilhelmSpanknebel

    Herr Sloterdijk benennt in dem Interview viele wichtige Punkte, auch und gerade solche, die in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor übergangen werden. Essentiell z.B. ist die Aussage, dass die moderne Marktwirtschaft - oder auch Kapitalismus - im Kern von Kreditbeziehungen (und deren Funktionieren – Pfändbarkeit und Vollstreckbarkeit) geprägt wird. Man sollte viell. noch ergänzen, dass das nicht nur für Staatsschulden gilt, sondern angefangen bei der Zentralbank (die als Kernoperation ihr Zentralbankgeld per Kredit an Banken vergibt), auch auf Banken, Unternehmen wie auch auf Normalbürgers Kreditkarte zutrifft. Einen Kritikpunkt bezüglich der Äußerungen zur Schuld der Staaten: einerseits ist es absolut richtig von einer Tilgungsillusion und damit verbunden von der im Kern Investoren-psychologischen Komponente zu sprechen, auf denen Staatsanleihen beruhen. Auf moralischer Ebene würde ich allerdings vorsichtiger sein: denn die Staaten stehen nicht nur durch eigene Misswirtschaft, sondern eben auch durch die Marktmechanismen selbst unter Zugzwang. Die von Sloterdijk angesprochene Konsumintensität nimmt bei höherem Einkommen und Vermögen absolut gesehen zwar zu, relativ gesehen jedoch ab. Während gleichzeitig mehr und mehr Anlage suchendes Kapital in die Finanzmärkte strömt (z.B. in Staatsanleihen) und dort unter bestimmten Bedingungen für Verwerfungen sorgt. Das führt insbesondere in reiferen Marktwirtschaften zu einem Rettungs- und Stimulationszwang für Finanzsystem bzw. Volkswirtschaft. Kurzfristig wohlgemerkt. Langfristig steht die Politik tatsächlich in der 'Schuld' auf individueller Ebene die (auch moralischen) Anreizmechanismen für die betreffenden Einkommensbezieher zu verändern. Und andererseits die gesamtwirtschaftliche Krisenanfälligkeit bei ausbleibenden staatlichen Interventionen auf ein Minimum zu reduzieren. Und das – so hofft sicherlich auch Herr Sloterdijk – nicht erst in 100 Jahren.

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