Philosoph Charles Taylor
„Integration gelingt nur mit offenen Armen“

Abschottung und Ausgrenzung führten zu Parallelgesellschaften, warnt der kanadische Philosoph Charles Taylor mit Blick auf die Flüchtlingskrise. Sein Mittel für gelungene Integration: ein herzliches Willkommen.

WashingtonDer kanadische Philosoph Charles Taylor hat im Interview mit dem Handelsblatt vor einer Politik der Abschottung und der Ausgrenzung von Migranten gewarnt. „Die Gefahren für offene Gesellschaften entstehen nicht durch die Flüchtlinge, sondern durch die Populisten“, sagte Taylor. Die Probleme der Masseneinwanderung seien gewaltig, aber lösbar. Empfingen Länder Neuankömmlinge mit offenen Armen, ließe sich die Integrationsaufgabe meistern. Legen Gesellschaften Einwanderern hingegen Aufstiegsbarrieren in den Weg, schüfen sie eben jene Parallelgesellschaften, vor denen sie sich fürchten.

Als „wunderbares Beispiel“ hob Taylor die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung hervor. Die zunehmenden Ängste vor einer Überfremdung durch Muslime hält er für fehlgeleitet. Er erinnerte daran, dass Einwanderungswellen in der Geschichte immer wieder Gegenreaktionen ausgelöst haben. Der Glaube sei dabei stets nur ein vorgeschobener Grund gewesen. „Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in den USA die Know-Nothing-Party, die die Einwanderung von Katholiken verhindern wollte“, sagte er. „Auch damals hieß es: Was machen die hier? Diese irischen Papisten, die passen nicht zu uns! Wir sollten sie nicht einbürgern!“

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Taylor, geboren 1931 in Montreal, gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der Gegenwart. Aufgewachsen im zweisprachigen Quebec steht das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen im Zentrum seines Denkens. Das europäische Verständnis für Multikulturalismus hält Taylor für falsch. Es ginge nicht darum, dass „jeder seine Kultur zu 100 Prozent bewahren könne". Richtig verstanden, sei der Multikulturalismus „ein Mechanismus der Integration, nicht des Nebeneinanderherlebens“. Ein Beharren auf einer Leitkultur, wie es derzeit in Deutschland wieder diskutiert wird, hält der Philosoph für falsch. Vielmehr sollte man den Rahmen für eine natürliche Integration schaffen. „Wenn sie eine Chance erhalten, ihre Ziele zu erreichen, werden Einwanderer die begeistertsten Deutschen, die man sich vorstellen kann.“

Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent
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