Pipelineprojekt: Nabucco: Bypass für Europa

Pipelineprojekt
Nabucco: Bypass für Europa

Europa schaut auf die Röhre: Eine Regierungskonferenz am Dienstag in Budapest soll dem internationalen Pipelineprojekt „Nabucco“ neuen Schwung verleihen und die Abhängigkeit von Russland verringern. Die Chancen stehen nicht schlecht, da sich einige wichtige Änderungen abzeichnen – vor allem wegen des Gas-Streits zwischen Moskau und Kiew.

BERLIN. Pipelines und musikalische Werke haben eines gemein: Beiden gehen oftmals schwere Geburten voraus. Vor allem auf Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ trifft das zu. Der berühmte Italiener wollte nach einem musikalischen Misserfolg das Komponieren bereits aufgeben, als ihn der Direktor der Mailänder Scala zum Schreiben des Meisterwerks animierte. Dieses Werk hörten dann österreichische und türkische Spitzenmanager in der Wiener Oper, nachdem sie im Oktober 2002 erstmals über den Bau einer Pipeline für zentralasiatisches Erdgas nach Europa diskutiert hatten. Der Name für das jüngste Kind der europäischen Energie-Infrastruktur war so schnell geboren: Nabucco.

Doch wie bei Verdi geht es seither nur sehr langsam, aber beharrlich voran. „Einen Tag ein Vers, am anderen Tag einen anderen Vers, einmal eine Note, ein andermal eine Phrase, nach und nach entstand so die Oper“, notierte Verdi während seiner „Nabucco“-Komposition. Ähnlich mühsam geht es bei den Industrie-Komponisten der Moderne voran. Jede Note steht für ein Land, dessen Probleme gelöst werden müssen, soll von 2013 an das erste Erdgas vom Kaspischen Meer durch die acht Mrd. Euro teure und 3 300 Kilometer lange Nabucco-Röhre nach Österreich fließen. 31 Mrd. Kubikmeter Erdgas jährlich sollen einmal durch Nabucco westwärts gepumpt werden.

Einen Durchbruch bringen soll die für heute in Budapest einberufene Nabucco-Regierungskonferenz. Schlecht stehen die Chancen nicht, da sich wichtige Änderungen abzeichnen. Auslöser dafür ist vor allem der tagelang erbittert geführte Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine. Hunderttausende Haushalte in Osteuropa waren tagelang bei bitteren Minusgraden ohne Heizung, osteuropäische Industriebetriebe mussten ihre Produktion stoppen. So haben jetzt die Regierungen in Ungarn und Bulgarien – deren Energiekonzerne MOL und Bulgargaz am Nabucco-Konsortium beteiligt sind – klare politische Unterstützung für das von der EU-Kommission als „energiepolitische Priorität“ eingestufte Röhrenprojekt signalisiert. Zuvor hatten die sozialistischen Regierungen beider Länder noch das rivalisierende South-Stream-Projekt forciert – die vom russischen Staatskonzern Gazprom geplante Gaspipeline von Russland durch das Schwarze Meer nach Mitteleuropa.

Doch South Stream schwächelt: Nicht nur wegen des Gas-Streits zwischen Gazprom und der ukrainischen Naftogaz streben viele europäische Kunden jetzt mehr Unabhängigkeit vom russischen Gas an. Auch den Gazprom-Konzern selbst – weltweit die Nummer eins der Branche und bis zum Ausbruch der Finanzkrise äußerst finanzstark – hat die Taschenrechner herausgeholt: Bislang waren der gute Ruf Gazproms und sein Gasreichtum ausreichend, um mühelos Milliarden-Kredite zu bekommen. Den Moskauern schien bislang somit alles finanzierbar: die Modernisierung des eigenen Leitungsnetzes, die Erschließung neuer Riesengasfelder im Eismeer und eben Pipeline-Neubauten wie die North Stream durch die Ostsee und die South Stream durch das Schwarze Meer. Doch nun müssen die auslaufenden Kredite refinanziert werden, und die Banken sind skeptischer geworden. „Wir geben im Moment ja kaum noch Kredite an bekannte und solide deutsche Mittelständler. Da tun wir uns extrem schwer, uns derzeit in Risikomärkten zu engagieren. Das kann ich meiner Zentrale in Frankfurt nicht vermitteln“, räumt kleinlaut der Osteuropa-Vertreter einer deutschen Großbank ein. Auch Gazprom schlägt plötzlich andere Töne an: Kreml-Chef Dmitrij Medwedjew hatte kürzlich noch Nabucco als „völlig unrealistisch“ bezeichnet. Nun unterstreicht Gazprom-Aufsichtsratschef, Moskaus Vizepremier Wiktor Subkow: „Russland hat keine Aversion gegenüber Nabucco.“ Vielmehr müssten die Gaslieferwege nach Europa diversifiziert werden, und „Russland hat genug Gas, um alle Pipelines zu füllen“ – auch Nabucco.

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