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20.11.2008 
Horn von Afrika

Piraten nutzen Somalias Machtvakuum

von Wolfgang Drechsler

Voller Sorge schaut die Welt auf das Horn von Afrika - denn der die Entführung des Supertankers "Sirius Star" ist ein weiterer Fall in einer langen Reihe ähnlicher Vorfälle vor Somalias Küste. Fast 100 Überfälle hat es seit Jahresbeginn gegeben. Doch die dreiste Entführung des Supertankers führt der Welt nun vor Augen welche Bedrohung der Zusammenbruch des Staates Somalia darstellt.

Der Supertanker „Sirius Star“. Foto: dpaLupe

Der Supertanker „Sirius Star“. Foto: dpa

KAPSTADT. Denn sein Kollaps ist der eigentliche Grund für die nun aus dem Ruder gelaufenen Piraterie. Dass die knapp zwei Dutzend Kriegsschiffe, die zehn Nationen bislang in die Region entsandt haben, die Seeräuberei stoppen können, halten Fachleute für ausgeschlossen. Zwar versenkte die indische Marine gester bei einem Seegefecht vor der Küste Somalias ein "Mutterschiff" der Piraten - doch bislang walten die Kidnapper weitgehend unbehelligt.

Ein Grund dafür sind die Unwirtlichkeit und Länge der somalischen Küste. Zudem ist die Piraterie zum einträglichen Erwerbszweig geworden, der ehemaligen Fischern Lohn und Brot bietet. Inzwischen lockt das Geschäft immer öfter Gangster aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu an. Die hohen Summen, die im Spiel sind, dürften auch die Untätigkeit der Behörden in der Region Puntland erklären, wo die Piraten die von ihnen entführten Schiffe ankern.

"Eine rein militärische Lösung wird es deshalb auch nicht geben", sagt Andrew Mwangura, ein langjähriger Kenner der Piraterie in der Region. Mwangura ist überzeugt: Solange das chaotische Somalia nicht zur Ruhe komme, ist die Seeräuberei nicht zu stoppen. Doch genau darauf deutet zurzeit wenig hin. Denn die Kämpfe auf dem Festland eskalieren. Beobachter sind der Ansicht, dass die Piraten zwar keine direkte Verbindung mit den aufständischen Islamisten in Somalia haben, aber diesen vermutlich Geld zahlen, um die für die Piraterie benutzten Küstenstreifen ohne Störungen nutzen zu können. Das dafür gezahlte Geld dürfte oft in den Ankauf neuer Waffen fließen - und den Bürgerkrieg schüren.

Wie lukrativ das Geschäft für die Küstenbewohner wird daran deutlich, dass sich das für die Schiffsfreigabe gezahlte Lösegeld seit dem letzten Jahr im Schnitt verdreifacht hat. Die in diesem Jahr vermutlich schon gezahlten 120 Mill. Dollar liegen weit über dem Jahresbudget des Uno-Entwicklungsprogramms für Somalia, das sich auf 14 Mill. Dollar beläuft.

Unter Experten besteht kein Zweifel, dass die Piraterie eine direkte Folge des langen Machtvakuums in Somalia ist. Dessen weitgehend machtlose Übergangsregierung hat weder das Freibeutertum noch das Neuaufflammen des islamistischen Widerstands verhindern können, der zum Teil mit dem Terrornetzwerk El Kaida in Kontakt steht. Die Islamisten haben inzwischen wieder einen Gutteil des unwegsamen Südsomalias unter ihre Kontrolle gebracht, darunter die Hafenstadt Kismayo. Hunderttausende Zivilisten sind derweil vor neuen heftigen Kämpfen aus Mogadischu geflohen. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen sind im Zuge dieser Kämpfe über 9 000 Menschen in den vergangenen zwölf Monaten ums Leben gekommen.

Einziger Hoffnungsschimmer sind die von der Uno vermittelten Friedensgespräche zwischen der Übergangsregierung und einem moderaten Flügel der Islamisten. Ziel dieser in Dschibuti geführten Verhandlungen ist die Bildung einer Einheitsregierung aus beiden Gruppen für die im nächsten Jahr geplanten Wahlen. Vorbedingung dafür ist aber wiederum der Abzug der etwa 7 000 Mann starken Truppen aus dem Nachbarland Äthiopien. Diese sollen nach dem Wunsch der Vereinten Nationen von 8 000 Blauhelmen ersetzt werden. Äthiopien scheint dazu grundsätzlich bereit, solange ein solcher Austausch ohne Bodengewinne für die Islamisten einhergeht.

Gegenwärtig deutet wenig darauf hin, dass in Somalia tatsächlich Blauhelme stationiert werden. Zum einen hat die Uno trotz detaillierter Planungen nicht einmal die Hälfte ihrer Truppen in die sudanesische Bürgerkriegsregion Darfur entsandt, zum anderen sollen nun womöglich weitere 3 000 Blauhelme zusätzlich im Ostkongo stationiert werden.

Wenig hilfreich sind auch die permanenten Fehden zwischen Somalias Stammesführern. Wenig deutet darauf hin, dass gerade diese Warlords ihre Eigeninteressen hinter das Wohl eines gemeinsamen Staates stellen. Verschärft wird die trostlose Lage schließlich von einer Hungersnot am Horn von Afrika - der schlimmsten seit 20 Jahren. Etwa ein Drittel der zehn Millionen Somalier sind davon betroffen. Die Piraten kümmert das wenig: Sie machen auch Jagd auf die Nahrungsmittelschiffe der Uno und erschweren damit die Versorgung des leidgeprüften Landes und seiner Menschen.

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