Polens Ex-Präsident Kwasniewski
Das unerklärliche Virus des Herrn K.

Polens ehemaliger Präsident Aleksander Kwasniewski strebt zurück in die Politik. Noch immer zählt er zu den populärsten Politikern im Land. Doch mit fragwürdigen Auftritten gefährdet er seine Chancen auf ein Comeback. Eine Handelsblatt-Reportage.

WARSCHAU. Der Mann am Rednerpult wirkt müde, abgespannt, fast abwesend. Sein Gesicht ist grau und faltig, nicht so rund und gebräunt wie sonst. Er spricht leise und langsam, leistet sich längere Pausen. Durch die Reihen seiner Zuhörer, zumeist Parteifreunde, geht ein Raunen und Tuscheln. Ob er wieder einmal angetrunken ist, fragt sich so mancher. „Nun ja, es wäre nicht zum ersten Mal“, sagt eine ältere Dame halblaut.

Das Szenario erinnert an den verstorbenen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Doch hier geht es um Aleksander Kwasniewski bei einem Wahlkampfauftritt vergangene Woche in Stettin. Der ehemalige polnische Staatspräsident strebt zurück in die Politik und greift jetzt die regierenden Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski an, der eine Präsident, der andere Premier.

Mit Kwasniewski als Zugpferd hofft das Bündnis Linke und Demokraten (LiD) bei der Parlamentswahl am kommenden Sonntag auf 15 Prozent zu kommen und damit in den Koalitionsverhandlungen das Zünglein an der Waage spielen zu können. Für Kwasniewski wäre dies wohl die letzte Chance auf ein politisches Comeback in seiner Heimat. Immerhin zählt er noch immer zu den populärsten polnischen Politikern. Auch im Ausland, gerade in Deutschland, genießt er hohes Ansehen. Anfang dieser Woche tauchte das Gerücht auf, die deutschen Christdemokraten wollten Kwasniewski für das Amt des Präsidenten des EU-Rates vorschlagen. Schon zuvor war er für verschiedene Jobs an der Spitze internationaler Organisationen im Gespräch gewesen.

Mit der internationalen Karriere hat es aber bislang nicht geklappt. Daher arbeitet er seit dem Frühjahr an seiner Rückkehr in die polnische Politik. Doch wie stehen seine Chancen?

Nach seinem offenbar angeheiterten Auftritt in Stettin rechtfertigt sich Kwasniewski mit dem Hinweis, er müsse starke Medikamente nehmen, die mit Alkohol völlig unverträglich seien. Doch die Zweifel seiner Parteifreunde und der Journalisten bleiben, weil er nicht klar und deutlich erklärt, an welcher Krankheit er leide.

Wenige Tage nach dem bösen Ausrutscher ist Aleksander Kwasniewski wieder fit. Ausgeruht und gut vorbereitet geht er in das Fernsehduell mit Donald Tusk, dem Oppositionsführer von der liberal-konservativen Bürgerplattform. Er präsentiert Fakten, argumentiert überzeugend und spricht mitunter besonders schnell, als wolle er all das nachholen, was er in Stettin nicht gesagt hat. Offenbar hat er das Kämpfen nicht verlernt. Außenpolitisch gewinnt er das Streitgespräch, innenpolitisch hat Tusk die Nase vor. Die meisten Kommentatoren sprechen von einem Remis. In Blitzumfragen bei Fernsehzuschauern ergibt sich ein leichter Vorsprung für Tusk.

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