Polit-Thriller in London - Schwere Regierungskrise
Der Premier, die Leiche und das Irak-Dossier

Das ist ein Stoff, den man sonst nur aus Agentenfilmen kennt: Tony Blairs Regierungsberater David Kelly wurde tot aufgefunden. Das pikante Detail: Kelly soll als erster den Vorwurf erhoben haben, dass das umstrittene Irak-Dossier aufgebauscht wurde.

dpa LONDON. Die Krise der britischen Regierung hat sich am Freitag durch eine bizarre Wendung verschärft. Ein Regierungsberater und Ex-UN-Waffeninspekteur, der dem Stab von Premierminister Tony Blair die Aufbauschung eines Irak-Dossiers vorgeworfen haben soll, wurde tot aufgefunden. Letzte Gewissheit darüber gab es zwar noch nicht, aber die Polizei sagte, der in der Nähe seines Wohnortes gefundene Tote sehe so aus wie der seit Donnerstagnachmittag vermisste Waffenexperte David Kelly. Aus der Delegation von Blair, der unterwegs nach Tokio war, hieß es, man sei schockiert. „Dies ist eine schwere Regierungskrise“, sagte der Chefkommentator des britischen Nachrichtensenders Sky News, Adam Boulton.

Der 59-jährige Kelly hatte in den vergangenen Tagen unter großem Druck gestanden. Nach Vermutung von Verteidigungsminister Geoff Hoon war er die Hauptquelle für einen BBC-Bericht, wonach das Büro von Blair ein Dossier über die vom Irak ausgehende Gefahr aufgebauscht hatte. Kelly hatte das bestritten. Am Dienstag war er noch von einem Untersuchungsausschuss des Unterhauses vernommen worden.

Im britischen Fernsehen wurde spekuliert, Kelly habe sich wahrscheinlich umgebracht, weil er den Druck nicht länger ausgehalten habe. Für die Regierung sei es nun kaum noch möglich, sich einer gerichtlichen Untersuchung der von ihr angegebenen Kriegsgründe zu widersetzen. Entsprechende Forderungen wurden am Freitag umgehend vom linken Flügel der Labour-Partei und von der Opposition erhoben.

Britische Journalisten spekulierten auch über einen möglicherweise bevorstehenden Rücktritt von Blairs wichtigstem Berater, seinem Kommunikationsdirektor Alastair Campbell. Das Unterhaus werde nun wohl aus der Sommerpause zurückgerufen werden. Kelly sei das Opfer eines politischen „Spiels“ geworden, sagte der Chefredakteur des Magazins „The Spectator“, Peter Oborne.

Blair, der sich wegen fehlender Massenvernichtungswaffen im Irak mit dem Vorwurf der Täuschung konfrontiert sieht, war Stunden zuvor noch vom US-Kongress gefeiert worden. In einer ständig von Beifall unterbrochenen Rede sagte er, der Irak-Krieg wäre auch dann gerechtfertigt, wenn keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden sollten. „Wenn wir falsch liegen, dann haben wir dennoch eine Bedrohung zerstört, die in jedem Fall für unmenschliche Massaker und Leiden verantwortlich war“, sagte Blair. „Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte uns vergeben wird.“ Bush betonte nach einem Gespräch mit Blair, dass der Sturz Saddams ein wichtiger Bestandteil des Anti-Terrorkriegs gewesen sei.

Wie Blair zeigte sich auch Bush davon überzeugt, dass die Beweise für ein irakisches Massenvernichtungswaffenprogramm noch zum Vorschein kommen. „Keiner wird uns das Gegenteil beweisen“, sagte Bush. Blair mahnte die Europäer, den Anti-Amerikanismus zu bekämpfen. An die USA appellierte er, Überzeugen zur Grundlage der Partnerschaft zu machen, kein Herumkommandieren. Blair dankte Bush für dessen Führungskraft in schwierigen Zeiten. Die Macht der USA sei noch nie so nötig gewesen und so missverstanden worden wie heute.

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